Lokomotel | 45 Quadratmeter Eisenbahnromantik

Doppelbett, Küchenzeile, Esstisch, Couch-Ecke, separates Badezimmer. Insgesamt 45 Quadratmeter. Das klingt erstmal nach einer normalen, kleinen Ferienwohnung. Wenn da nicht das Türschild „Abteil Nr. 9“ und der Hinweis „Höchstgeschwindigkeit 90 km/h“ wären. Das „LokoMotel“ ist zwar ein Appartement – aber gebaut in einem ehemaligen Eisenbahnwaggon. Hinter dem ungewöhnlichen Konzept steckt die Idee von Fotograf Thomas Willemsen. Mit dem LokoMotel wollte er eigentlich nur eine Unterkunft für Freunde und Kunden seines Fotostudios in Stadtlohn schaffen. Daraus ist mittlerweile aber ein echter Geschäftszweig geworden.

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Mangels passender Unterkünfte in Stadtlohn hat Willemsen seine Geschäftskunden früher in den umliegenden Kommunen unterbringen müssen. „Das war immer viel Fahrerei und einfach unpraktisch. Deshalb habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich vor Ort direkt am Studio Übernachtungs- und Rückzugsmöglichkeiten schaffen kann“, blickt der Fotograf zurück. Dass dafür ein alter Eisenbahnwaggon eingesetzt wird, lag irgendwie auf der Hand: Willemsen hat sein Fotostudio im alten Stadtlohner Lokschuppen eingerichtet. „Ein Schlafwaggon als Appartement passte perfekt ins Ambiente“, erklärt er.  

Projekt hat sich nach sechs Jahren amortisiert

Gemeinsam mit dem Innenausbauunternehmen Bücker aus Stadtlohn und dem Architekten Hermann Josef Steverding aus Stadtlohn hat Willemsen seine Idee umgesetzt. Der Ansatz: Es sollte ein hochwertiges, exklusives Appartement werden. „Da der Umbau des Schlafwaggons aber letztendlich doch etwas umfangreicher war als gedacht, haben wir ein Refinanzierungsmodell gesucht. So entstand die Idee, den Waggon auch fremden Besuchern über die gängigen Buchungsplattformen als außergewöhnliche Unterkunft anzubieten“, erläutert Willemsen. Das hat funktioniert. Das Projekt habe sich mittlerweile, also nach sechs Jahren, amortisiert und ist durchweg ausgebucht. Schon jetzt gibt es Reservierungen für 2027. 

Das Appartement verfügt unter anderem über eine maßangefertigte Küche, Panoramafenster mit Aussicht auf die Stadt, Süd-Balkon, Fußbodenheizung und einen 50-Zoll-LED-Fernseher. Der Strom kommt aus der Photovoltaikanlage auf dem Fotostudio. Der Einrichtungsstil des Waggons: industriell, aber gleichzeitig gemütlich. „Die Atmosphäre einer Eisenbahn wollten wir erhalten. Die Lampen und die Steuerungselemente an der Tür erinnern zum Beispiel an die ursprüngliche Funktion“, betont Willemsen. Ein bisschen Eisenbahnromantik auf 45 Quadratmetern zum Selbstversorgen. Zwei Erwachsene und ein Kind finden dort Platz. 

Die Exklusivität hat ihren Preis, daraus macht Willemsen kein Geheimnis. „Wir sind kein Standard-Bed-and-Breakfast. 90 Prozent unserer Gäste fragen uns gezielt an, weil sie nicht in einer Standard-Ferienwohnung oder in einem Hotel übernachten möchten, sondern weil sie ein besonderes Erlebnis suchen.“ Oder weil sie das Konzept eines Tiny House für sich testen wollen, also das Wohnen auf minimalem Raum. 

Stammkunden aus dem Ruhrgebiet

Und das auch gerne öfter: Viele Gäste sind Stammkunden. Sie kommen zum Beispiel aus dem Ruhrgebiet nach Stadtlohn, um hier eine Auszeit im Grünen zu genießen und um Radtouren bis in die Niederlande zu unternehmen. Unter ihnen sind aber auch Touristen und Eisenbahnfans aus aller Welt – Dänemark, Großbritannien, China –, die für ihre Deutschlandreise eine spezielle Unterkunft suchen. Auch das eine oder andere Hochzeitspaar hat eine Nacht im LokoMotel von Willemsen verbracht. „In rund 100 Metern Luftlinie kann man sich in einem Eisenbahnwaggon trauen lassen. Da passt unser Übernachtungskonzept perfekt dazu“, erklärt der Unternehmer. 

Direkte Konkurrenz hat Willemsen mit diesem Modell nicht. „Mit Hotels können wir uns nicht vergleichen, weil das ein ganz anderer Ansatz ist. In Niedersachsen gibt es zwar einen Anbieter, der auch das Übernachten im Eisenbahnwaggon ermöglicht, aber zu einer anderen Qualität. Insofern genießen wir die Alleinstellung“, betont er.  

Seine Gäste bleiben unterschiedlich lange. Im Sommer und über die Feiertage im Winter mal für eine Woche, im Herbst vor allem übers Wochenende. „Das Wetter spielt eine entscheidende Rolle, vor allem für die Radtouristen, die die Gegend erkunden möchten.“ Für die könnte das Angebot in der Region aus seiner Sicht aber noch verbessert werden. „Die Niederlande sind hier ein gutes Vorbild. Mit breiten, barrierefreien Wegen schaffen sie ideale Bedingungen für Radfahrer. Da gibt es hier im Münsterland noch etwas Nachholbedarf“, meint Willemsen. 

Region hat beste Voraussetzungen für Radtourismus

Dabei habe die Region aus seiner Sicht beste Voraussetzungen für den Radtourismus, etwa mit der 100-Schlösser-Route, der Fahrradhauptstadt Münster und der für das Münsterland so typischen Parklandschaft. „Für Menschen aus Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet oder aus Großstädten hat unsere Region schon etwas von einer heilen Welt mit gepflegten Häusern, großen Grundstücken und schönen Grünanlagen. Nicht umsonst zählt die Region zu den beliebtesten Fahrraddestinationen in Deutschland“, so Willemsen. Seitdem das E-Bike auf dem Markt ist, sei das Münsterland noch interessanter geworden. „Das war ein absoluter Gamechanger, da mit dem elektrischen Antrieb deutlich weitere Touren möglich sind. 70 Kilometer Radfahren an einem Tag sind so problemlos möglich. Das macht Stadtlohn dann zum Beispiel auch für Touristen interessant, die Münster oder die Niederlande erkunden wollen“, erklärt der Unternehmer.  

Trotzdem dürfe sich die Tourismusregion nicht auf diesem hohen Niveau ausruhen. Willemsen: „Insbesondere im kulinarischen Bereich ist das Angebot teilweise sehr ausgedünnt, auch weil Gas­tronomen kein Personal finden und ihre Öffnungszeiten entsprechend angepasst haben. Aber für Gäste ist eben auch das Essen gehen vor Ort ein wichtiger Bestandteil ihres Urlaubs.“ 

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