Interview | „Grundsätzlich wird aus einem Logistikzentrum kein Bullerbü“

Martin Franz ist seit 2014 Professor für Humangeografie mit wirtschaftsgeografischem Schwerpunkt an der Universität Osnabrück. Als Experte für globale Wertschöpfungsketten und Einzelhandelsentwicklung beschäftigt er sich seit einigen Jahren zudem intensiver mit Logistik und begleitete verschiedene Projekte in diesem Bereich. Klimafolgen und Digitalisierung sind dabei Themen gewesen. Auch das regionale Projekt Logist.Plus gehört in diese Liste. Im Interview spricht der 50-Jährige über die Ziele, die zentralen Erkenntnisse und die Herausforderungen für eine nachhaltigere Logistik.

Professor Martin Franz (vorne, Zweiter von rechts) von der Universität Osnabrück hat das Projekt Logist.Plus begleitet, das sich mit nachhaltiger Logistik beschäftigt. Foto/Quelle: Universität Osnabrück

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Herr Professor Franz, Logistik: Damit verbinden viele Menschen die Paketdienste vor der Haustür. Für Städte und Gemeinden bedeutet sie platzraubende Warenumschlagslager in Gewerbegebieten mit wenig Arbeitsplätzen. Wie schauen Sie auf Logistik?   
Ich sehe Logistik zunächst als notwendiges Mittel, damit Wirtschaft funktionieren kann. Natürlich ist die Logistik eine sehr flächenintensive Branche, für Anwohnerinnen und Anwohner eher ärgerlich und Logistikgebäude glänzen auch nicht immer durch besondere Attraktivität. Aber gerade an Knotenpunkten ist Logistik ein wichtiger Faktor für die Versorgung der Region, weswegen wir uns heute mehr Gedanken darüber machen, wie man sie nachhaltiger gestalten kann.   

Genau mit dieser Frage haben Sie sich zuletzt im Projekt Logist.Plus befasst. Worum ging es dabei?   
Grundsätzlich um die Frage nach nachhaltigerer Logistik. Wir haben untersucht, wie Logistik flächensparender gestaltet werden kann und wie die Flächen selbst nachhaltiger entwickelt werden können. Außerdem ging es um die Frage, wie man City-Logistik, also die letzte Meile, sinnvoll gestalten kann. Und wir haben überlegt, wie Governance-Strukturen verändert werden müssten, um Kommunikation und Entscheidungswege zwischen Kommunen oder Unternehmen zu verbessern.  
Das Projekt haben wir mit verschiedenen Partnern umgesetzt. Neben Stadt und Landkreis Osnabrück, der Universität Osnabrück und der Hochschule Osnabrück zählten auch das Logistiknetz KNI, der Wissenschaftsladen Bonn, das Boden-Bündnis Europäischer Städte, Kreise und Gemeinden sowie der Kreis Steinfurt dazu.   

Das Projekt ist weitgehend abgeschlossen. Welche zentralen Erkenntnisse lassen sich ableiten?  
Das ist schwer in wenigen Sätzen zu sagen, weil das Thema vielfältig ist. Eine Erkenntnis ist, dass Kommunen auf regionaler Ebene mehr zusammenarbeiten sollten, um bestmögliche Logistik-Standorte zu ermitteln. Bisher wird da zu viel in Konkurrenz gedacht. Feststellen lässt sich zudem, dass viele Unternehmen wirklich am Thema interessiert sind und dass sie längst mehr für Nachhaltigkeit tun, als man das vielleicht erwartet. In anderen Fällen fehlt weniger der Wille, sondern eher die Kenntnis darüber, wie man bestimmte Maßnahmen umsetzt. Auch deshalb haben wir einen umfangreichen Leitfaden erstellt, der mögliche Wege und Lösungen zeigt.   

Klingt, als sei das Thema Nachhaltigkeit längst in aller Munde?   
Zugegeben, es gibt noch immer Unternehmen, die daran bisher nur wenig Interesse zeigen. Viele kleinere Logistiker sind oft auch so im Tagesgeschäft gefangen, dass ihnen die Kapazität fehlt, sich mit Nachhaltigkeit intensiver zu beschäftigen.   

Würden Sie die Unternehmen da mehr in die Verantwortung nehmen wollen?  
Verantwortung ist vielleicht der falsche Begriff. Wir haben in unseren Gesprächen oft erlebt, dass Unternehmen davon ausgehen, die Kommune werde sich schon um entsprechende Vorgaben kümmern. Wir setzen eher auf Zusammenarbeit. Das kann bedeuten, dass beispielsweise Wirtschaftsförderungen die Unternehmen vor Ort noch besser beraten. Natürlich ist es letztlich Sache der Unternehmen, dann auch tätig zu werden. Gleichzeitig müssten sich die Kommunen Gedanken machen, wie sie Nachhaltigkeitsgedanken schon bei Neuansiedlungen einbeziehen können und passende Anreize schaffen.  

Welche Anreize?  
Beispielsweise günstigere Grundstückspreise, wenn Flächen nachhaltig genutzt werden. Die Stadt Bocholt hat das bereits getan und hat einen Kriterienkatalog für nachhaltige Gewerbeflächenentwicklung herausgegeben. Darin sind viele Punkte definiert, die letztlich auch den Unternehmen selbst helfen können.   

Haben Sie dafür ein Beispiel?  
Nehmen Sie einmal begrünte Dächer. Die sind nicht nur ökologisch gut, sie isolieren auch besser. Im Winter bleibt es wärmer, im Sommer kühler – und so lässt sich am Ende sogar Energie sparen. Das muss man erklären und genau das ist das Ziel hier: Unternehmen zu sensibilisieren für die Möglichkeiten.   

Am Ende geht es offenbar viel um Kommunikation.  
Genau. Miteinander zu reden, sich auszutauschen, das sind wichtige Ansätze. Zum einen, um die Bedarfe der Wirtschaft besser zu verstehen, zum anderen, um die Ideen und Wünsche der Städte und Gemeinden besser zu transportieren. In diesem Austausch müssen alle an einen Tisch: Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und Unternehmen. Die üblichen Netzwerkveranstaltungen können das bisher nicht ausreichend abbilden.   

Ein grundsätzliches Problem wird kaum zu beheben sein: Logistik ist belastend für Flächen und Klima. Gibt es da überhaupt eine echte Lösung?   
Aus meiner Sicht schon. Langfristig ist noch viel möglich in der Logistik. Es gibt einen Wandel bei den Antrieben, wir können Flächen besser ausnutzen, mehr in die Höhe als in die Breite bauen. Oder Platz durch mobile Regale schaffen. Wenn alles umgesetzt würde, was heute schon möglich ist, wäre die Logistik längst deutlich nachhaltiger. Zur Wahrheit gehört natürlich: Grundsätzlich wird aus einem Logistikzentrum kein Bullerbü.   

Sie sprachen gerade davon, dass ein Grundverständnis und ein Wille durchaus vorhanden ist. An welchen Stellen bedarf es aber noch Überzeugungsarbeit?   
Vor allem bei Kooperationen zwischen Unternehmen. Nehmen wir die City-Logistik als Beispiel. Da wären gemeinsame Hubs und die gemeinsame Auslieferung sicher ein probates Mittel. Doch solche „White Label“-Lösungen sind in der Praxis schwierig, weil gerade große Unternehmen auch ihre Marke präsentieren wollen. Es gibt in vielen Städten Pilotprojekte, doch die sind noch immer an Förderprogramme geknüpft und nach dem Auslaufen brechen sie oft zusammen, weil den Unternehmen der starke Anreiz fehlt. Ein anderer Ansatz wäre die gemeinsame Nutzung von Lagerhallen. Gerade benachbarte Unternehmen könnten sich eine Halle teilen. Hier gibt es Potenziale, die heute noch nicht gehoben werden.   

Und letztlich ist Nachhaltigkeit auch immer ein ganz handfestes Finanzthema. Haben Sie das auch gespürt?  
Tatsächlich geht es oft ums Geld. Viele Investitionen in die Nachhaltigkeit sind Effizienzinvestitionen, die sich in der Regel langfristig durch Einsparungen auszahlen. Anfangs steht eben immer ein Invest, der Zeit braucht. Dazu kommt eine gewisse Unsicherheit, was die Perspektive angeht. Wohin entwickeln sich staatliche Umweltauflagen? Auch Versicherungsfragen mit Blick auf Klimaveränderungen spielen eine Rolle. Wir spüren hier viel Verunsicherung, was Regulatorik und Auflagen betrifft. Eine langfristigere Planungssicherheit wäre gut.   

Das Interview führte Carsten Schulte

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