2020 – noch vor der Energiekrise – sind die beiden Cousins und Elektrotechniker Nils und Ralf Temminghoff mit ihrem Unternehmen gestartet. Ein halbes Jahr später erlebten sie infolge der Abkehr Deutschlands von der Gasversorgung und dem verstärkten Ausbau der erneuerbaren Energien eine regelrechte Boomphase, wie sich Nils Temminghoff erinnert. Heute sind die Solaranlagen aber nicht mehr der einzige Bereich, den Green N-R-GY bespielt. Auch Batteriespeicher und Wallboxen fürs Laden von E-Fahrzeugen gehören dazu. „In den Fokus rückt zunehmend die Frage, wie sich der mit der Sonne erzeugte Strom speichern und damit für Zeiten nutzen lässt, in denen die Sonne nicht scheint, aber der Verbrauch besonders hoch ist“, erläutert Temminghoff. Peak Shaving heißt das in der Fachsprache und soll das Stromnetz entlasten, da überschüssiger Strom „zwischengeparkt“ wird, dann genutzt wird, wenn es nötig ist, und weniger Strom aus dem öffentlichen Netz bezogen werden muss.
Einstieg in den Stromhandel
Gleichzeitig ist der Stromspeicher der Einstieg in den Stromhandel. „Dieser Trend kommt mit Riesenschritten – im gewerblichen und kommunalen Bereich, aber auch bei Privatkunden“, bringt es der Elektromeister auf den Punkt. Dazu braucht es übrigens nicht zwingend eine eigene Photovoltaikanlage: Strom kann am Markt günstig eingekauft und im eigenen Speicher zwischengelagert werden – bis die Strompreise ansteigen und er wieder gewinnbringend verkauft werden kann. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich Green N-R-GY zurzeit auch mit Stromspeichern, die Energie von Windkraftanlagen „zwischenparken“ können. „Hier sprechen wir über deutlich größere Speicherkapazitäten von bis zu 40 Megawatt. Das ist buchstäblich ein spannender Bereich und wird das Netz entlasten“, betont Temminghoff.
Kauflaune etwas eingetrübt
Trotz zufriedenstellender Auftragslage stellen die Vredener Gründer eine gewisse Verunsicherung bei Verbrauchern fest. „Es gibt zwar noch genügend Privathäuser, die über keine Photovoltaik verfügen. In konjunkturschwachen Zeiten überlegen sich Menschen aber dreimal, ob sie investieren. Die Kauflaune ist etwas eingetrübt“, wie Temminghoff erklärt. Anders sehe das im gewerblichen Bereich aus: „Unternehmen haben aufgrund ihres enormen Strombedarfs und den hohen Energiekosten nach wie vor ein großes Interesse daran, ihren Strom entweder größtenteils selbst zu produzieren oder ihn gewinnbringend zu handeln.“
Aber auch bei gewerblichen Kunden gebe es eine Bremse für seine Branche: die Netzinfrastruktur. „Es fehlen Netzanschlüsse und die Zusagen von Netzbetreibern kommen nicht in dem Tempo, wie wir es bräuchten. Wir könnten theoretisch noch viel mehr PV-Anlagen installieren, aber die Infrastruktur ist einfach nicht mitgewachsen“, bedauert Temminghoff. „Da fehlt auch ein bisschen der politische Wille.“ Und Pragmatismus. „Es kommt durchaus vor, dass Genehmigungen für eine PV-Anlage oder einen Batteriespeicher nicht erteilt werden, weil der Netzantrag nicht richtig ausgefüllt wurde. Dann geht alles von vorne los und dauert noch länger. Insgesamt ist dieses Prozedere wenig praxisnah und viel zu viel Papierkram“, findet Temminghoff.
Herausforderung Digitalisierung und Fachkräftemangel
Den Ausbau beschleunigen könnte mehr Digitalisierung. Die ist bei Green N-R-GY bereits Alltag, „da, wo es Sinn macht.“ Zum Beispiel bei der Installation der PV-Anlagen. „Unsere Monteure arbeiten mit Tablets. Dort sind alle Pläne für die Anlagen abrufbar. Und auch die Inbetriebnahme der Wechselrichter erfolgt darüber. Per App können diese und die Module aus der Ferne kontrolliert werden“, beschreibt Temminghoff. Handschriftlich werde nur noch wenig notiert. Und genau da gebe es oft einen Bruch in der Kommunikation mit den Netzbetreibern: „Für die Anträge müssen wir sämtliche Dokumente in Papierform einreichen und einscannen. Das ist mühsam und verlängert das Prozedere unnötig“, betont der Elektromeister.
Eine weitere Herausforderung für seine Branche bleibt der Fachkräftemangel. Aktuell beschäftigt Green N-R-GY zehn eigene Mitarbeitende, hinzukommen externe Fachkräfte aus Subunternehmen, je nach Auftrag. Es sei zum einen schwer, motivierte und gut ausgebildete Mitarbeitende zu finden. Zum anderen fehle es auch an jungen Menschen als Nachwuchskräfte. „Dabei hat der Beruf absolut Zukunft, denn die gesamte Welt wird zunehmend elektrifiziert. Und dafür braucht es das Handwerk“, betont Temminghoff. Für das eigene Unternehmen haben die Vredener bislang noch immer passende (Nachwuchs-)Fachkräfte gefunden, vor allem durch Recruitingkampagnen auf Social Media, aber auch in Print.