Interview mit Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing.

"Wir schaffen ein Quartier mit Vorzeigecharakter"

Blick über Borken (Foto: Martin Wissen)
Blick über Borken (Foto: Martin Wissen)

Im Interview mit Wirtschaft aktuell spricht Borkens Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing über das Projekt „Kalte Nahwärme“, wie sie das Thema Mobilität in der Stadt Borken angehen will und was sie als Vorsitzende des Regionalrats Münster vorhat.

Frau Schulze Hessing, neben dem Rathaus laufen draußen aktuell die Bauarbeiten für ein Großprojekt der Stadt Borken, den neuen Anbau der Verwaltung. Wie ist da der Stand der Dinge?


Aktuell hat der Hochbau für den 2.000 Quadratmeter großen Anbau begonnen, die Bauarbeiten liegen im Zeitplan. In dem Erweiterungsbau werden wir das Stadtarchiv unterbringen, das bislang in einem unserer Stadttürme beherbergt war. Dort waren die Rahmenbedingungen allerdings zuletzt nicht mehr ideal und wurden den Anforderungen nicht mehr gerecht, sodass ein Umzug in klimatisierte Räumlichkeiten dringend nötig ist. Im Anbau entsteht neben dem Archiv auch ein Leseraum, sodass Archiv-Besucher dort „das Gedächtnis der Stadt“unter fachlicher Begleitung in Ruhe durchstöbern können und auch Schulklassen unsere Stadtgeschichte erarbeiten können. Darüber hinaus wird ein multifunktionaler Raum geschaffen, der für verschiedene Veranstaltungen genutzt sowie als Sozialraum für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Weitere Büroräume sollen ebenfalls entstehen, sodass die Kolleginnen und Kollegen, die aus Platzmangel übergangsweise in anderen Gebäuden in der Stadt untergebracht waren, wieder in das Rathaus zurückkehren können. Im nächsten Sommer sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Darüber hinaus werden wir auch die anderen Gebäudeteile energetisch sanieren und so einen weiteren Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Klimaschutz ist ein gutes Stichwort. Unter dem Namen „Kalte Nahwärme“ setzen Sie gemeinsam mit den Stadtwerken Borken im Ortsteil Weseke ein „ökologisches Leuchtturmprojekt“ um. Was steckt dahinter?


Im Ortsteil Weseke haben wir auf einer Industriebrache ein neues Siedlungsgebiet entwickelt. Dabei war es uns besonders wichtig, das Areal wiederzubeleben, aber gleichzeitig insbesondere Klimaschutzaspekte zu berücksichtigen und mitzudenken. Dabei stand vor allem die Frage im Raum, wie die Energieversorgung des Wohngebietes aussehen könnte. Gemeinsam mit den Stadtwerken Borken haben wir das Konzept der „kalten Nahwärme“ entwickelt. In der Praxis sieht das so aus: Auf einem Spielplatz neben der Siedlung werden Erdbohrungen vorgenommen, durch die Wärme aus dem Boden gewonnen und mittels Pipelines in der Siedlung verteilt wird. Mit der Erdwärme können die Häuser im Winter geheizt werden und im Sommer auch gekühlt werden. Somit werden keine fossilen Ressourcen zum Heizen wie zum Kühlen verbraucht. Das ist ein sehr innovativer Ansatz, zu dem wir uns Inspiration von einer Hochschule aus dem süddeutschen Raum, die das Projekt bereits selbst an anderer Stelle umgesetzt hat, geholt haben. Auch in unserer Region kommt die Idee an: Wir wurden schon mehrfach von anderen Kommunen auf das Konzept angesprochen. Wir haben aber noch viele weitere Punkte festgehalten, die Häuslebauer in dem Gebiet zugunsten des Klimaschutzes erfüllen sollen.

 

Welche?


Das Anlegen von sogenannten Stein- und Schottergärten ist durch den Bebauungsplan ausgeschlossen. Flächen müssen somit tatsächlich begrünt werden. Das gilt auch für die Einfriedung der Grundstücke: Anstelle von Kunststoffzäunen sollen Hecken verwendet werden. Auch die Pflasterflächen möchten wir auf ein Minimum reduzieren: Lediglich die Abstellflächen für Pkw sollen mit Steinen versehen werden, die zudem wasserdurchlässig sein müssen. Darüber hinaus soll ab einer Grundstücksgröße von 400 Quadratmetern mindestens ein heimischer Baum gepflanzt werden. Im Gegenzug können die Häuslebauer einen Nachlass beim Baupreis bekommen, wenn sie zum Beispiel ein Gründach oder eine Zisterne errichten. 

 

Das klingt nach einer Menge Vorgaben …


… ja, das stimmt. Darüber haben wir uns im Vorfeld diverse Gedanken gemacht und viel diskutiert. Als wir den Maßnahmenkatalog in einer Bürgerversammlung in Weseke vorgestellt haben, haben wir allerdings festgestellt, dass sich viele Menschen für dieses Konzept begeistern lassen. Die große Mehrheit an Bürgerinnen und Bürgern, die die Idee mittragen wollen, hat uns schließlich bestätigt, das Projekt umzusetzen. In mehreren Bürgerversammlungen, die wir in der Corona-Zeit unter anderem übrigens im Autokino veranstaltet haben, gab es dann für alle Interessierten weitere Infos. Bei der Vergabe der Grundstücke sind wir einer klaren Philosophie gefolgt: Neben jungen Familien mit einem Bezug zu Weseke sollten auch junge Paare, die noch keine Kinder haben, zum Zuge kommen. Die erste Vergaberunde ist gut verlaufen. Die ersten Häuser werden bereits gebaut. Die restlichen der insgesamt 60 Grundstücke wollen wir in einer zweiten Runde veräußern. Eine kleine Fläche in der Siedlung wird übrigens nicht bebaut, sodass dort eine grüne Oase entstehen kann. In der Summe schaffen wir so ein Quartier mit Vorzeigecharakter und hohem Wohnwert.

Den Klimaschutz haben Sie derzeit noch an einer anderen Stelle auf der Agenda. Seit März ist die Stadt Borken Mitglied im „Zukunftsnetz Mobilität NRW“. Was erhoffen Sie sich davon?


Die Stadt Borken hat unter breiter Bürgerbeteiligung ein Klimaschutzkonzept entwickelt. Ein Baustein dessen ist unter anderem das Thema Mobilität. Borken hat die Besonderheit, dass es hier sowohl ein urbanes Zentrum mit einem guten ÖPNV gibt, aber auch gleichzeitig Ortsteile mit einem dörflichen, ländlichen Charakter, verteilt auf einem großen Stadtgebiet von über 150 Quadratkilometern. Die Ortsteile sind zum Teil rund zehn Kilometer vom Stadtkern entfernt. Die zentrale Frage ist, wie wir auch in diesen Bereichen die regionale Anbindung sicherstellen können, ohne dass die Bürgerinnen und Bürger zwingend auf einen eigenen Pkw zurückgreifen müssen. Daher lautet das Motto aus unserem Klimaschutzkonzept auch: Fietse first. Das Fahrrad soll zum Mobilitätsmittel der ersten Wahl werden, wobei die Stadt Borken da schon auf einem guten Weg ist. Wir haben bereits viele innerstädtische Fahrradstraßen gebaut. Weitere Fahrradstraßen, die das Stadtzentrum mit den Ortsteilen verbinden, sind in Planung, sodass Radfahrer sicher und komfortabel von A nach B kommen. Wir brauchen aber abseits des Fahrrads noch weitere Mobilitätsformen. Wir wollen zum Beispiel die Themen Bürgerbus und Carsharing intensiver angehen. Dazu wollen wir uns im Zukunftsnetz Mobilität NRW mit anderen Kommunen austauschen und neue Impulse bekommen. Auf dieser Basis soll dann ein finales Mobilitätskonzept erstellt werden. Den Antrag auf eine Förderung haben wir dafür bereits gestellt und wir werden eine Stelle als Mobiliätsmanager oder -managerin kurzfristig ausschreiben. 
Als Bürgermeisterin sind Sie auch erste Ansprechpartnerin für die Wirtschaft. Wie geht es den Unternehmen zurzeit?
Die Corona-Situation hat sich auf die einzelnen Branchen sehr unterschiedlich ausgewirkt. Eine Branche, die nach wie vor sehr unter der Pandemie leidet, ist die Veranstaltungsbranche. Während die Geschäfte in der Gastronomie und im Einzelhandel wieder angelaufen sind und es dazu sehr positive Rückmeldungen gibt, ist die Situation im Eventbereich noch sehr unsicher. Bei der Organisation von Schützenfesten und Kulturveranstaltungen gibt es nach wie vor eine große Zurückhaltung, da niemand weiß, wie schnell sich die Delta-Variante ausbreitet und wie die Infektionszahlen nach der Urlaubszeit und im Herbst aussehen werden. Daher ist es besonders wichtig, dass diese Unternehmen auch Unterstützung von Bund und Land bekommen. Dennoch ist die Borkener Wirtschaft insgesamt erstaunlich gut durch die Corona-Krise gekommen. Die Zahlen der Arbeitslosen und SGB-II-Empfänger sind entgegen den Erwartungen nicht angestiegen, sondern haben sich stabilisiert und sind zuletzt sogar gesunken. Demgegenüber ist die Anzahl der Menschen, die in Kurzarbeit sind, angestiegen. Viele Unternehmen haben die Kurzarbeit genutzt, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser wirtschaftlich schwierigen Lage zu halten und an sich zu binden. Das hat sich ausgezahlt, denn denjenigen Unternehmen, die das nicht gemacht haben, fehlen jetzt mit der anziehenden Konjunktur wichtige Fachkräfte.

Wie können Sie den Unternehmen dabei unter die Arme greifen?


Zum Beispiel mit dem Onboarding-Konzept des Münsterland e.V., das Fachkräfte dabei unterstützen soll, einen Job und einen Ort zum Leben im Münsterland zu finden. Darauf aufbauend werben wir aktiv mit den Standortvorteilen der Stadt Borken, um Fachkräfte anzuziehen. Neben bezahlbarem Wohnraum und einer schönen, facettenreichen Innenstadt, gibt es hier ein großes Bildungs- und Freizeitangebot für Jung und Alt. Die Corona-Pandemie hat uns nochmals veranschaulicht, dass die vorhandene Infrastruktur in Borken sehr gut ist. Mobiles Arbeiten ist vor allem durch das Vorhandensein einer Glasfaserinfrastruktur einfach umsetzbar und der Betreuungsbedarf der kleinsten Bürgerinnen und Bürgern sowie entsprechende Bildungsangebote sind in jedem Ortsteil gesichert. Wir leben in Borken das Prinzip der kurzen Wege. All diese Faktoren sind für Fachkräfte und ihre Familien bei der Job- und Standortsuche entscheidend.

 

Frau Schulze Hessing, Sie sind seit Anfang des Jahres neben Ihrer Tätigkeit als Bürgermeisterin nun auch neue Vorsitzende des Regionalrats Münster. Was haben Sie sich vorgenommen?

Ich habe mich sehr über die Wahl, die mit großer Mehrheit getroffen wurde, gefreut! Zum einen ist es eine schöne Aufgabe mit viel Verantwortung, zum anderen ist es aber auch eine Herausforderung, die umfassenden Themenfelder im engen Schulterschluss mit der Bezirksregierung politisch abzustimmen. Wir haben uns dabei drei Schwerpunkte gesetzt: Mobilität, Strukturentwicklung und insbesondere Zukunftsplanung. Dabei geht es darum, wie wir den Regionalplan für das Münsterland aufstellen, um der Region Wachstum zu ermöglichen, aber gleichzeitig den Umwelt- und Klimaschutz zu berücksichtigen. Dazu entwickeln wir Konzepte, die dann im Regionalrat diskutiert werden. Die Versammlungen sind übrigens öffentlich – ich kann jedem Bürger und jeder Bürgerin nur empfehlen, sich  zu informieren, sich daran zu beteiligen und damit aktiv Zukunft mitzugestalten. 
 

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