Interview

"Die Identifikation und der Zusammenhalt sind beeindruckend!

Bürgermeister Dietrich Aden (links) und Wirtschaftsförderer Stefan Deimann wollen die Grevener Innenstadt stärken.
Bürgermeister Dietrich Aden (links) und Wirtschaftsförderer Stefan Deimann wollen die Grevener Innenstadt stärken.

Im Interview mit Wirtschaft aktuell sprechen Grevens Bürgermeister Dietrich Aden und der Geschäftsführer der GFW Greven, Stefan Deimann, über ihren Wirtschaftsstandort in Zeiten der Pandemie, Herausforderungen und wichtige Projekte.

Herr Aden, Herr Deimann, als Bürgermeister und Wirtschaftsförderer der Stadt Greven kennen Sie Ihren Wirtschaftsstandort sicher wie wenige andere. Wie geht es der Grevener Wirtschaft in der Pandemie?


Dietrich Aden: Wir haben nach meinem Amtsantritt im November eine Unternehmer-Befragung auf den Weg gebracht. Mir war es einfach wichtig zu wissen, wo die Wirtschaft in Greven in dieser schwierigen Zeit genau steht. Die Auswertung der Ergebnisse ergab ein zweigeteiltes Bild: Dem Gewerbe und der Industrie in Greven geht es gut. Gerade im Bereich Logistik läuft es zurzeit auf hohem Niveau. Wir haben aber auch viele andere Unternehmen, die in dieser Pandemie mit ihren Produkten und Leistungen punkten konnten. Auf der anderen Seite gibt es den Einzelhandel, die Solo-Selbstständigen, die Gastronomie und das Veranstaltungsgewerbe, denen aufgrund der Pandemie fast die komplette Arbeitsgrundlage abhandengekommen ist. 
Stefan Deimann: Gerade mit Blick auf die Innenstadt habe ich aber die Hoffnung, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen. Dort gibt es viele familiengeführte Betriebe, die in ihren eigenen Immobilien arbeiten, und tatsächlich ist in der Pandemie sogar noch der eine oder andere neue Laden hinzugekommen, es hat Vergrößerungen und Verlagerungen gegeben, sodass es insgesamt gar nicht so schlecht aussieht. Aber abgerechnet wird natürlich zum Schluss, also nach der Pandemie. 

Inwieweit konnten die Stadt und ihre Wirtschaftsförderung den Unternehmen in dieser Zeit helfen?


Aden: Natürlich haben wir als Kommune nicht die Power wie der Bund, der volle Hörner ausschütten kann. Kommunale Wirtschaftsförderung ist eher auf Langfristigkeit angelegt. Aber natürlich haben wir geschaut, an welchen Stellen wir in dieser Krise auch direkt helfen konnten. So haben wir die Unternehmen zum Beispiel im Bereich Steuern und Gebühren so gut es ging entlastet. Dennoch hat uns die Pandemie auch klare Grenzen aufgezeigt – nehmen wir die Gastronomie: Wenn in den Betrieben über einen so langen Zeitraum keine Geschäfte gemacht werden können, dann sind unsere Möglichkeiten als Kommune einfach begrenzt. 

 

Wie optimistisch sind Sie, dass die Unternehmen in der Grevener Gastronomie wieder auf die Füße kommen?


Aden: Ziemlich optimistisch. Wir haben in Greven eine sehr aktive – und gefühlt auch sehr unerschütterliche – Gastronomieszene, die in der Krise vieles gemacht hat, um den Geschäftsbetrieb zumindest in Teilen aufrecht zu erhalten. Ich denke da zum Beispiel an die vielen Lieferdienste und Abholservices, die in kürzester Zeit entstanden sind. Für viele Betreiber ist das nicht nur eine Frage der Finanzen, sondern auch eine Frage der Moral. Für sie ist ihr Geschäft auch ein Lebensgefühl, das sie nicht so ohne Weiteres aufgeben, auch wenn die Situation natürlich extrem schwierig ist. 

Die Wirtschaftsförderung hat im Zuge der Pandemie ihren Auftritt in den sozialen Netzwerken verstärkt.
Warum?


Deimann: Als Wirtschaftsförderung verfolgen wir schon immer die Strategie einer wissensbasierten Dienstleistung. Unsere Aufgabe ist es, Wissen zu bündeln, um es der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen, wenn sie es benötigt. Diesen Ansatz haben wir in der Pandemie noch einmal deutlich stärker verfolgt, weil es einfach ein extrem breites Spektrum an Themen gab, die für die Unternehmen angesichts dieser neuen Herausforderung relevant waren. Die sozialen Netzwerke waren für uns dabei sehr hilfreich. Wir haben die Grevener Unternehmen dort ganz praktisch über die verschiedenen Verordnungen, Regelungen, Fördermöglichkeiten und Ansätze – zum Beispiel im Bereich Digitalisierung – mit Informationen versorgt. Zudem haben wir auf unserer Website eine Video-Plattform aufgebaut, auf der man sich über den Standort und seine Unternehmen in bewegten Bildern informieren kann und wir haben uns mit Blick auf den Einzelhandel an der Entwicklung von Informations- und Verkaufsportalen beteiligt. 

 

Wie wird das Angebot von den Unternehmen angenommen?


Deimann: Insgesamt sehr gut, gerade bei den Themen „Fördermöglichkeiten“ und „Digitalisierung“ haben wir sehr viele Rückmeldungen bekommen. Und an vielen Stellen hat das auch direkt Ergebnisse gebracht: Es gab eine ganze Reihe an Unternehmen, die in den vergangenen Wochen mithilfe der Fördermöglichkeiten in digitale Infrastruktur investiert haben. Besonders gefreut hat mich, dass es auf den Kanälen, die wir auf Facebook und Instagram für den Einzelhandel eingerichtet haben, so viel positives Feedback seitens der Kunden gab. 

 

Wie Social-Media-affin sind Sie beide denn selbst?


Deimann: Ich bin privat hier und da unterwegs und ich halte mich auch über die verschiedenen GFW-Kanäle immer auf dem Laufenden, sodass ich einen ganz guten Überblick habe. 
Aden: Ich bin schon sehr Social-Media-affin. Ich komme aus einer Generation, in der das einfach dazugehört. Für mich war das sowohl im Wahlkampf, aber auch bei meiner Arbeit im Amt bis hierher eine wichtige Plattform. Man erreicht über Social Media Zielgruppen, die man über die klassische Zeitungsmeldung nicht erreichen würde. Zudem kann man auf diesem Weg viel schneller und zielgerichteter informieren. Was man für eine Stadt wie Greven auch nicht unterschätzen darf, sind die Gruppen, die sich in den verschiedenen Kanälen gebildet haben. Einige dieser Gruppen haben 10.000 Mitglieder und somit sind sie für die Themen, die man dort einbringt, ein extrem guter Multiplikator. Auch die Möglichkeit, die Dinge per Video auszuspielen, bietet aus meiner Sicht einen erheblichen Mehrwert, weil ich zum Beispiel auch mal Dinge erläutern oder klarstellen kann.

Herr Aden, Sie haben das Amt des Bürgermeisters in Greven im November des vergangenen Jahres aufgenommen. Sicher hatten Sie im Vorfeld eine klare Vorstellung von dem, was Sie erwartet. Gab es dennoch etwas, dass Sie so richtig überrascht hat?


Aden: Natürlich habe ich mich im Zuge meiner Kandidatur sehr intensiv vorbereitet, insofern hat mich nichts so wirklich umgeworfen. Dennoch habe ich in den vergangenen Monaten noch einmal ganz anders erleben dürfen, wie vielfältig der Standort Greven ist. Außenstehende sehen oft nur die Logistik, die natürlich ein wichtiger Faktor bei uns ist, aber da gibt es noch so vieles mehr. Und dieser Eindruck verstärkt sich immer weiter, je länger ich mich mit unserem Standort beschäftige. Bemerkenswert finde ich auch, dass wir in Greven eine mittelständische Wirtschaft haben, die sich mit ihrer Stadt identifiziert und die ein großes Interesse daran hat, dass es ihrer Stadt gut geht. Das hat mich in den vergangenen Monaten immer wieder aufs Neue beeindruckt.

 

Welchen Stellenwert hat Wirtschaftsförderung für Sie?


Aden: Einen sehr, sehr hohen! Eine Stadt ohne Wirtschaftsförderung hat keine große Zukunft. Eine Wirtschaftsförderung schaut einfach strategisch, wie sich ein Standort aufstellen muss. Sie ist aber auch ein Scharnier, das für möglichst reibungslose Abläufe zwischen Wirtschaft und Verwaltung sorgt. 

 

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden?


Aden: Wir haben einen sehr regelmäßigen Austausch. Die Wege sind sehr kurz, sodass wir uns über alle wichtigen Fragen auch sehr schnell verständigen können. Die Wirtschaftsförderung hat zwar eine private Rechtsform, die Anbindung an die Verwaltung und an den Bürgermeister ist aber nach wie vor sehr eng. Das läuft aus meiner Sicht wirklich sehr gut!

 

Gab es für Sie, Herr Deimann, vielleicht auch etwas Neues, das Sie in der Pandemie über Ihren Wirtschaftsstandort gelernt haben?


Deimann: Es haben sich die vielen positiven Dinge, die ich ohnehin schon über unseren Standort wusste, noch einmal bestätigt. Schon die Krisen 2009 und 2011 haben wir aufgrund der guten Mischung und der tollen Infrastruktur verhältnismäßig gut bewältigt. Auch in dieser Krise haben sich die Unternehmen wieder sehr flexibel gezeigt und hier greife ich gern den Punkt auf, den Herr Aden gebracht hat: Die Identifikation mit dem Standort und auch der Zusammenhalt untereinander sind schon beeindruckend.  

 

Welche Projekte sind für Sie beide zurzeit mit Blick auf die Wirtschaft die wichtigsten?


Deimann: Eines unserer wichtigsten Projekte ist die Erweiterung unseres Gewerbegebietes an der Gutenbergstraße. Dort konnten wir nach langer Zeit eine Fläche erwerben, die nun auch entwickelt wird. Ein anderer wichtiger Punkt ist sicher der Förderantrag zur Stärkung der Innenstadt, den wir aktuell gestellt haben. Mit dieser Förderung wird es künftig einfacher, Leerstände zu vermarkten und das Zentrums-Management voranzubringen. Ein dritter Punkt ist die Breitbandentwicklung. Aktuell läuft die Ausschreibung für den Ausbau in den Gewerbegebieten, die dann künftig mindestens mit einem Up- und Download von 100 Megabit pro Sekunde versorgt werden sollen. 

 

Wie ist der Status quo?


Deimann: Für die Gewerbegebietserweiterung haben wir gerade den städtebaulichen Entwurf und den Aufstellungsbeschluss umgesetzt. Parallel hat eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe schon einmal die notwendigen Schritte für die planungs- und baurechtlichen, aber auch die erschließungstechnischen Dinge auf den Weg gebracht. Unser Ziel ist es, Ende 2021 mit der Vermarktung des Areals beginnen zu können. Den Förderantrag zur Stärkung der Innenstadt haben wir vor wenigen Wochen gestellt. Da eine Gesamtsumme von insgesamt 30 Millionen Euro im Topf ist und dieser Topf auch noch einmal aufgestockt werden soll, gehen wir davon aus, dass unser Projekt, das ein Volumen von 228.000 Euro hat, auch einen Zuschlag erhält. Förderstart ist Mitte Juni, sodass wir im Juli in die Umsetzung gehen könnten. Tatsächlich gibt es auch schon erste Anfragen von Eigentümern, die ihre Leerstände gern mit den vergünstigten Mieten aus dem Programm wieder attraktiveren wollen. Den Status quo im Bereich Breitbandentwicklung in den Gewerbegebieten habe ich genannt. Parallel geht der Ausbau in den Außenbereichen weiter. Dort werden wir wahrscheinlich sogar schneller als geplant ausrollen können. Im nächsten Schritt wollen wir im Zuge eines weiteren Förderprogramms dann den letzten grauen Flecken im Innenstadtbereich zur Leibe rücken. Wir sind zwar in der Summe schon sehr gut aufgestellt, aber unser Ziel ist es, wirklich überall eine gute Versorgung zu garantieren.

Stichwort „Stärkung der Innenstadt“: Die Innenstadtentwicklung ist in Greven ein Dauerthema, bei dem sich in den vergangenen Jahren schon einiges getan hat. Was sind aktuell die wichtigsten Projekte?


Aden: Nachdem der vorherige Stadtentwicklungsprozess abgeschlossen ist, werden wir nun ein neues integriertes Handlungskonzept für die Innenstadt auf den Weg bringen. Ziel ist es, die neuen Herausforderungen, die es in diesem Bereich gibt, zu identifizieren und Lösungen zu entwickeln. Corona hat viele dieser Entwicklungen beschleunigt, sodass wir da etwas frühzeitiger als ursprünglich geplant einen Handlungsbedarf haben. Da das Kapazitäten erfordert, die die GFW allein nicht hat, läuft zum Beispiel die Erarbeitung des beschriebenen Förderantrags für das Sofortprogramm „Stärkung der Innenstädte“ in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich 4 in der Stadtverwaltung.  

 

Wie nehmen die Menschen die bereits vorhandenen neuen Angebote an?


Deimann:
Sehr gut! Vor Corona war unsere Innenstadt eine der frequentiertesten in ganz Nordwestfalen. Die Dinge, die wir in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht haben, haben dazu natürlich beigetragen. Im Zuge des abgeschlossenen Entwicklungsprozesses ist eine zusätzliche Fläche von 5.000 Quadratmetern für den Einzelhandel entstanden und die Angebote, die dort entstanden sind, haben auch sehr gut funktioniert. Zusätzlich zu unserem ohnehin schon guten Gastronomieangebot sind auch dort noch drei neue Betriebe hinzugekommen. Die neu geschaffenen oder umgebauten Plätze wurden sehr gut angenommen. Der Marktplatz wurde neu aufgebaut. In der Summe war das schon eine sehr gute Entwicklung, die wir viel früher als andere Städte in Angriff genommen haben. 

 

An welchen Stellschrauben wollen Sie im Bereich der Innenstadt künftig noch drehen?


Aden: Eine Innenstadt lebt von ganz vielen Akteuren, die eigene Ideen haben, eigene Ziele verfolgen, die aber dennoch alle an einen Tisch gebracht werden müssen. Das ist eine Aufgabe, die ich für mich als Bürgermeister angenommen habe. Im Moment geht das aufgrund der Pandemie leider nur über Video-Meetings, aber auch an diesem digitalen Tisch sind gute Gespräche möglich. Das unterstützt natürlich den ohnehin schon guten Gemeinsinn und es schafft die Möglichkeit, gemeinsam über anstehende Herausforderungen und Lösungsansätze zu sprechen. Dieser Prozess ist wichtig, weil man die Teilnehmer an unterschiedlichen Stellen abholen muss. Die Ideen sind unterschiedlich und die Ressourcen, mit denen sich die unterschiedlichen Teilnehmer einbringen können, auch. Aber nur so kann es gehen, weil eine Stadt diese Dinge auch nicht allein stemmen kann. Außerdem würde es nicht funktionieren, wenn wir als Stadt im Alleingang den Weg vorgeben würden. Viel besser ist es doch, die Dinge von der Basis aus zu entwickeln und voranzutreiben. Das war bislang auch immer ein großes Erfolgsgeheimnis in Greven. Die Beteiligten haben ein intrinsisches Interesse daran, ihre Innenstadt nach vorne zu bringen. Darauf möchte ich aufbauen, indem ich die Dinge ein Stück weit kanalisiere und koordiniere, um dann die besten Ideen auch wirklich mit Schwung nach vorne zu bringen. 

 

Was sind denn aus Ihrer Sicht insgesamt die größten Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Greven?


Aden: In der Summe sehe ich drei Punkte: Erstens müssen wir als Stadt Greven die Unternehmen dabei aktiv begleiten, erfolgreich ins digitale Zeitalter zu starten. Natürlich kann eine Kommune keine Geschäftsprozesse oder neue Ideen gestalten, aber wir müssen für die entsprechende Infrastruktur sorgen. Daran arbeiten wir mit Hochdruck, wie Herr Deimann gerade ausgeführt hat. Und die GFW hat hier wirklich sehr gute Arbeit geleistet. Zweitens müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wo wir Platz für weiteres unternehmerisches Wachstum schaffen können. Auch auf die schwere Frage, wie sich das im Zeitalter von Flächenfraß mit der Ökologie in Einklang bringen lässt, müssen wir beantworten. Dafür entwickelt die GFW zurzeit ein Gewerbeflächenkonzept, das uns als strategischer Leitfaden in diesem Zusammenhang dienen soll. Als drittes sehe ich dann auch noch die bereits erörterte Einzelhandelsentwicklung, die sich landauf, landab für praktisch jeden Standort stellt. 

 

Wie wollen Sie diese Herausforderung meistern?


Aden: Das geht natürlich nur, wenn wir mit allen beteiligten Partnern an einem Strang ziehen: Politik, Verwaltung und alle anderen Stakeholder, die an den Prozessen beteiligt sind. Bei sieben Fraktionen im Rat ist das nicht ganz so einfach. Umso wichtiger ist es für uns, dass wir den Gemeinsinn schärfen und das werden wir tun.

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