
Zwischen eindrucksvollen Propellermaschinen in der Flugzeughalle plauderte der 52-Jährige dabei immer wieder auch aus dem Fußballernähkästchen. Mit dem Sport ist er von Kindesbeinen an verwachsen. Sein Vater kommt aus dem Ruhrgebiet, seine Mutter aus dem Sauerland. Das Faible für den schwarz-gelben Verein hatte Watzke quasi schon in den Genen. „Ich war mein ganzes Leben lang ein BVB-Fan“, sagte er. Ein „Stück Abenteuerlust“ und entsprechende Kontakte schleusten ihn dann schließlich in den Beirat des maroden Fußballvereins. Nach zwei Jahren habe er dann gemerkt, dass „der Wagen vollkommen an die Wand fährt“. „Als eher konservativer Mensch war ich dort mit meiner Meinung aber ziemlich alleine. So habe ich zwei Jahre lang innerhalb des Gremiums immer eine gegenteilige Meinung vertreten“, erinnerte sich der Diplom-Kaufmann im Podiumsgespräch mit Wirtschaft-trifft-Moderator Christoph Almering. Seine Meinung hielt er konsequent durch – bis der Verein kurz vor dem Zusammenbruch stand und Watzke letztlich mit seiner Einschätzung Recht behielt. BVB-Präsident Reinhard Rauball schenkte ihm das Vertrauen und ließ den Sauerländer den „Karren aus dem Dreck ziehen“.
Seine emotionale Bindung zum Verein und der Wille, ihn in die schwarzen Zahlen zu heben, haben den einstigen Geschäftsführer und Gründer eines mittelständischen Unternehmens aus Marsberg letztlich dazu bewogen, den eigenen Betrieb hinter sich zu lassen und das Abenteuer „BVB-Sanierung“ einzugehen. Den 350 geladenen Gästen – viele von ihnen selbst Unternehmer – empfahl er daher auch für den Alltag: „Wenn wir etwas anpacken und erreichen wollen, dürfen wir das alles nicht immer unter dem Gesichtspunkt der Enthaftung sehen. Wenn wir uns persönlich den ganzen Tag enthaften wollen, können wir letztendlich gar nichts mehr leisten und entscheiden.“ So hat Watzke sich auch damals der Verantwortung gestellt und sich erfahrene Ratgeber in Sachen Sanierung für die Rettung des BVB an die Seite geholt, um sofort reagieren zu können. „Schon nach 36 Stunden war klar, dass unverzüglich etwas passieren musste, um nicht in die Insolvenzverschleppung zu gelangen. Aber ganz rational entscheidet man so etwas nicht“, machte Watzke klar. Von seiner ursprünglicher Erwartung, dass „alles nach acht Wochen wahrscheinlich sowieso vorbei ist und wieder wie vorher wird“, ist er dann schnell zurückgerudert. „Das war einfach ein dynamischer Prozess und so sind aus achte Wochen schnell sechs Jahre daraus geworden – Gott sei dank“, sagte der Fußballkenner mit einem Schmunzeln.
Dass seine Strategie aufgeht, zeigte sich zuletzt auf der Jahrespressekonferenz 2011, auf der er die beste Bilanz der Vereinsgeschichte präsentierte. Für Watzke ist das aber auch der Erfolg eines funktionieren Teams. „Für mich bedeutet Führen vor allem richtig zu delegieren. Das war für mich von Beginn an eine Grundvoraussetzung. Unter der Prämisse, dass das Organisationskonzept komplett auf meine Wünsche zugeschnitten wird, habe ich die Verantwortung beim BVB übernommen. Denn wenn dort erst ein Debattierklub nach dem anderen aus dem Boden geschossen wäre, wären wir wahrscheinlich schon 2006 am Ende gewesen“, machte er klar. Mit einem Finanzgeschäftsführer an der Seite und fünf Direktoren bespricht er die Vereinsleitung und – darauf lege er großen Wert – entscheidet auch: „Ich halte nichts davon, nach dem Motto ‚Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründet ich zunächst einen Arbeitskreis’ zu handeln. Man muss auch unverzüglich Entscheidungen treffen können“, betonte Watzke. Dazu gehöre auch, seinen Mitarbeitern ein Stück Eigenverantwortung zu übertragen – zumindest, was das operative Geschäft angeht. Sportliche Entscheidungen, wie zum Beispiel Transfers, trifft der BVB-Chef nur in enger Abstimmung mit Trainer Jürgen Klopp und Sportdirektor Michael Zorc, auch wenn dann mal härter diskutiert werde und man sich dafür auch mal richtig reinhänge müsse.
Diese Leidenschaft für den Fußball sei es letztendlich, die einen guten Strippenzieher eines Vereins ausmache. Schließlich herrschen in dem Geschäft rund um das runde Leder andere Regeln. „Die Angestellten haben eine ganz andere Macht. Ein 19-jähriger Mario Götze oder ein Mats Hummels sind keine Arbeitnehmer im klassischen Sinne. Wenn ein Chef in einem Unternehmen zu einem jungen Auszubildenden geht und ihm erklärt, wie er welche Aufgabe zu erledigen hat, dann wird er das in Regel auch in Erwägung ziehen. Im Fußball ist das etwas schwieriger. Demzufolge muss man für einen solchen Job soviel Fußballer sein, das man solche Situationen auch angemessen beurteilen kann“, erläuterte Watzke. Dazu zähle auch, im Vorfeld schon zu erkennen, wo in einer Mannschaft etwas falsch laufen könnte, wie sie tickt oder was sich zwischenmenschlich abspielt. Denn die Ursache eines verlorenen Spieles liegt seiner Meinung nach schon in Dingen, die vier oder fünf Wochen vorher schief gelaufen sind. „Fußball ist eine sehr gute soziale Schule. Und das kann man alles besser beurteilen, wenn man es selbst einmal erlebt hat und mit der entsprechenden Emotion dabei ist.“
Emotionen zu Hauf gab es in den vergangenen Wochen auch immer wieder bei einigen hitzigen Fußballfans, die während und abseits des Spiels, wie zum Beispiel beim Pokalspiel gegen Dynamo Dresden, randalierten. „Dass wir eine zunehmende Radikalisierung erleben, ist ein gesellschaftliches Problem. Das geht mit Blick auf Stuttgart 21 oder die Maikundgebungen in Berlin nicht nur dem Fußball so. Solche ‚Event-Radikalen’ suchen sich Veranstaltungen wie Fußball, um dort öffentlichkeitswirksam auf sich aufmerksam zumachen und sich durchzusetzen. Solche Schläger mischen sich dann unter die Ultra-Fans, um schlichtweg Terror zu verbreiten. Da müssen wir präventiv etwas tun, um Gewalt zu ächten“, forderte der BVB-Chef. Watzke hat daher zum Beispiel unlängst einige Dortmunder Ultras ins ehemalige Konzentrationslager nach Auschwitz eingeladen, um klar zu machen, wie Gewaltexzesse sich verstärken können. Der Fußballfachmann befürwortete ganz klar „null Toleranz für Gewalt“ – auch vor der Justiz. „Wir müssen deutlich abschreckend wirken, sonst werden wir dieses Problem nicht in den Griff kriegen.“
Schließlich soll Fußball aus seiner Sicht zunächst einmal Freude und positive Emotionen hervorrufen. Das betonte er auch mit Blick auf das Geschäft mit dem Fußball. Dass sich daraus eine eigene Branche entwickelt hat, sei zwar gut, dürfe laut Watzke aber nicht im Vordergrund stehen. Der Fußballfan sei „Prosumer“, der mitbestimmen will. Wird das von den Vereinen nicht mehr zugelassen, gehen dem Sport die Emotionen aus. Deshalb glaubt der BVB-Geschäftsführer auch nicht an Modelle wie bei der TSG Hoffenheim oder bei dem vom Automobilkonzern VW getragenen VFL Wolfsburg. „Diese Vereine haben extrem viel Geld. Aber diese Kraft, die Klubs entfalten können, weil sie Tradition und Leidenschaft und viel erlebt haben, fehlt“, so Watzke. Stattdessen forderte er: „Wir müssen authentisch bleiben und das Spiel, den Fußball sowie den Wettbewerb in den Vordergrund stellen und nicht das, womit man das beste Geschäft machen kann. Ansonsten werden sich die Fans auf kurz oder lang von diesem Sport abwenden.“ Watzke kritisierte im Zuge dessen die Fußballligen in Italien und England, in denen die Zuschauer aus seiner Sicht „als Attrappen“ herhalten müssen für die Kulissen „neureicher Scheichs“, die Vereine aufkaufen. Deutschland sei im Gegensatz dazu schon auf dem richtigen Weg. „Solche Investoren machen den Markt auf Dauer kaputt. Das Grundelement ist doch der Fan. Wenn dieser merkt, dass er langfristig nur Klatschkulisse ist und überhaupt keinen Einfluss mehr auf irgendetwas hat, dann sagt er sich: ‚Das ist nicht mehr meins’. Und da der Deutsche tendenziell eher einer ist, der sich in einer Gemeinschaft organisiert, wendet er sich in einem solchen Fall lieber ab als sich in eine Supporterliste eines arabischen Scheichs einzutragen“, ist der Sauerländer überzeugt.
Aber nicht nur in Sachen Marktvorstellungen spricht der BVB-Chef klare Worte, auch für die Zukunft von Borussia Dortmund hat er seinen eigenen Standpunkt: „Wir wollen maximalen sportlichen Erfolg, ohne jemals wieder Schulden zu machen. Und wenn das dann eben nur Platz fünf oder sieben hergibt, dann ist mir das dreimal lieber als auf Pump Deutscher Meister zu werden und zwei Jahre später vor der Pleite zu stehen.“ Watzke sieht seinen Verein in dieser Saison im Kampf um die Deutsche Meisterschaft übrigens nicht wieder ganz oben. „Bayern München wird es meiner Meinung nach machen“, schätzte er und stimmte damit Michael Terhörst, Redaktionsleiter von Wirtschaft aktuell, zu. Der Journalist zog insgesamt ein positives Fazit der dritten Auflage von „Wirtschaft trifft …“: „Die Resonanz auf die Veranstaltung zeigt, dass das Interesse an dem Thema Sport und Wirtschaft sehr groß ist. Viele unserer Leser sind mit dem Sport in irgendeiner Weise verwachsen, ob es nun als Sponsor ist für die zahlreichen regionalen Vereine oder als aktiver Sportler. Und mit der Veranstaltung haben wir daher offensichtlich wieder ins Schwarze getroffen.“ Dem stimmte auch Heinrich-Georg Krumme, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Westmünsterland, zu: „Es passte alles perfekt zusammen: Wirtschaft, Fußball und Hans-Joachim Watzke. Ein markanter Manager, der im umfunktionierten Hangar des Stadtlohner Flugplatzes Unterhaltsames präsentierte sowie ernste Themen direkt ansprach und das Publikum in seinen Bann zog."