
Fast jeder kennt es oder hat es zumindest auch schon einmal gespürt, das beunruhigende und mitunter sehr schmerzhafte Zwicken im Rücken. Was viele Betroffene jedoch nicht wissen: Oft lauern die Ursachen versteckt im beruflichen Alltag. Schon lange wissen die Experten, nicht nur Menschen mit harter körperlicher Arbeit sind betroffen. Auch und gerade die „Schreibtischtäter“ fallen der Volkskrankheit Rückenschmerz zum Opfer. „Der Grund ist die starre, monotone Haltung im Sitzen oder Stehen. Das belastet immer dieselben Muskelpartien und führt zu einer Fehlstatik“, erklärt Raphael Gebker, leitender Physiotherapeut im Gesundheitszentrum Vreden und bei der Union Vital in Wessum.
Für ausschließlich statische Tätigkeiten ist der menschliche Körper nicht gemacht. Einfach gesprochen: Die Wirbelsäule braucht Bewegung, denn sonst rostet sie ein. Und so gibt Gebker einen eindeutigen Ratschlag: „Schaffen Sie sich einen Ausgleich! Generell entsteht der Schmerz, wenn es ein Missverhältnis von Belastung und Belastbarkeit gibt. Wenn es also zwickt, haben die Betroffenen zwei Möglichkeiten: entweder, sie reduzieren die Belastung oder sie erhöhen die Belastbarkeit.“ Da für die meisten Menschen eine Reduzierung der beruflichen Belastung jedoch kaum in Frage kommt, bleibt nur die zweite Lösung.
Die Belastbarkeit kann zum Beispiel durch Sport oder ein gezieltes medizinisches Aufbautraining erhöht werden. Sollte es jedoch schon zu Schmerzen und deutlichen Bewegungseinschränkungen gekommen sein, wäre zum Beispiel eine vom Arzt verschriebene Krankengymnastik oder manuelle Therapie bei einem Physio/Manualtherapeuten hilfreich. „Wer dauerhaft schmerzfrei bleiben oder werden will, muss etwas dafür tun“, so das Credo des Fachmanns. Das gilt übrigens auch für den Arbeitsalltag und das Umfeld. „Es ist schon viel gewonnen, wenn die Büromöbel auf die einzelnen Personen abgestimmt sind. Man sollte möglichst gerade vor dem Rechner sitzen und wenn möglich auch mal im Stehen arbeiten“, erklärt Jutta Winkelhaus, die ebenfalls leitende Physiotherapeutin am Vredener Gesundheitszentrum ist.
Viele Büromöbelhersteller haben diesen Bedarf erkannt und ihre Möbel angepasst. Von höhenverstellbaren Tischen, die stehendes Arbeiten ermöglichen, bis hin zum Stuhl, der Bewegungen nicht nur zulässt, sondern sogar fördert. Tatsächlich gibt es sogar bereits „motorisierte“ Stühle, die leichte Schwingungen erzeugen und so den Rumpf in Bewegung halten. Aber die besten Möbel nutzen nichts, wenn die Menschen nicht auch selbst etwas tun. „Es ist zum Beispiel schon sehr hilfreich, die Sitzposition mehrmals am Tag zu wechseln oder zwischendurch aufzustehen und den Kollegen bei einer Nachfrage einfach mal zu ,besuchen’ statt ihn anzurufen“, betont Gebker.
Sollten dennoch Schmerzen auftreten, muss nicht zwangsläufig gleich ein Bandscheibenvorfall oder eine ähnliche schwere Erkrankung der Grund sein. Oft sind lediglich so genannte Blockaden der Ursprung allen Übels. Die Fachleute sprechen von einer Blockade, wenn bestimmte Bereiche an der Wirbelsäule nicht mehr richtig beweglich sind. Mögliche Auslöser sind unter anderem die monotone Haltung oder falsches Heben. „Diese Blockaden können zum Beispiel durch manuelle Therapie mit Hilfe eines Physiotherapeuten gelöst werden. Dabei stellen wir zunächst fest, welcher Bereich wie betroffen ist. Dann wird dieser Bereich gezielt mobilisiert – also wieder beweglich und schließlich auch schmerzfrei gemacht. Das ist nicht so heftig und wesentlich nachhaltiger als das vielzitierte Einrenken“, erklärt Gebker.
Allerdings rät der Experte, wenn es zu stärkeren Ausfällen in Form von Taubheiten in Armen, Beinen oder Füßen oder gar zu einer Inkontinez kommt, sofort den Arzt aufzusuchen. Bei akuten Ausfallerscheinungen sollten die Betroffenen nicht allzu lange zögern, denn das könnte es mitunter noch schlimmer machen. „Entgegen der landläufigen Meinung muss aber längst nicht jeder Befund in einer Operation enden. Natürlich gibt es Fälle, in denen es nicht anders geht. Oft führen allerdings auch konservative Behandlungen ohne OP zum Erfolg“, weiß der Physiotherapeut.
Das kleine Ein-Mal-Eins der Rückenschule
Sitzende Tätigkeiten:
• Wenn Sie einen sitzenden Beruf haben, sollten Sie die Bewegung suchen. Ein Beispiel: Für kleinere Mitteilungen unter Kollegen muss nicht zwangsläufig das Telefon genutzt werden. Stehen Sie auf und „besuchen“ den Kollegen an dessen Arbeitsplatz.
• Wechseln Sie die Sitzposition. Das Verharren in einer einzigen Position verstärkt den Druck an immer derselben Stelle des Rückens.
• Stimmen Sie ihren Arbeitsplatz auf Ihre Bedürfnisse ab. Zu flache oder zu hohe Möbel sind Gift für den Rücken.
Stehende Tätigkeiten:
• Auch das Stehen ist nicht zwangsläufig dynamisch. Wer immer an der gleichen Stelle stehen muss, sollte zum Beispiel versuchen durch leichte Wiegeschritte in Bewegung zu bleiben.
• Tipp: die Biertrinker-Haltung (wie an einem Stehtisch). Ein Fuß steht auf dem Boden, der andere leicht erhöht auf einer Stufe oder ähnlichem!
• Wenn Sie in Ihrem Beruf Dinge heben müssen, sollten Sie das nie „aus dem Rücken“ machen. Besser ist es, in die Knie zu gehen und den Gegenstand eng am Körper mit der Kraft aus den Beinen zu heben.
• Generell sollten Sie nicht lange in gebeugter Haltung ausharren. Tipp: Machen Sie es sich leichter. Gegenstände, die am Boden liegen, sollten Sie nicht in gebückter Haltung bearbeiten, sondern auf einem Tisch oder einer Arbeitsfläche. Das gilt übrigens auch für schwerere Teile. Im Zweifel ist es besser den kurzen Trageaufwand in Kauf zu nehmen, als über einen längeren Zeitraum gebückt zu arbeiten. Wenn die Teile zu schwer sind, nutzen Sie Hebesysteme!