Zwischen den Stühlen

Sie sollen ihren „Laden“ im Griff haben, das Beste aus ihren Mitarbeitern herausholen und somit maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beitragen: Führungskräfte. Starke Chefs gehen voran, entscheiden, organisieren und motivieren. Dabei sitzen sie praktisch immer zwischen den Stühlen: Sie müssen auf der einen Seite die Unternehmensziele erreichen, die ihnen Geschäftsleitung, Gesellschafter und Co aufoktroyieren, auf der anderen Seite müssen sie aber auch die Mitarbeiter bei der Stange halten. Eine vielschichtige Aufgabe, der nicht jeder von Natur aus gewachsen ist. Das gilt nicht nur für Bosse großer Weltkonzerne, sondern auch für Chefs und Vorgesetzte im Wirtschaft-aktuell-Einzugsgebiet.

Die Anforderungen an eine Führungskraft sind vielfältig: Sie soll entscheiden, managen und ihre Mitarbeiter anleiten. Nicht immer ist das ein einfacher Job.
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Bei der Besetzung der Führungskräftepositionen geht es um weit mehr als nur einen Vorgesetzten, der den Überblick behält und verantwortlich zeichnet. Tatsächlich ist der Chef nämlich der Unzufriedenheitsfaktor Nummer eins für deutsche Angestellte und damit ein häufiger Kündigungsgrund. Das ist ein Ergebnis einer seit 2009 laufenden Studie der Ruhr-Universität Bochum. Die Wissenschaftler haben dabei bereits ermittelt, dass die Arbeitszufriedenheit zu 40 Prozent vom Verhältnis zum Chef abhängt. Die Online-Befragung der Bochumer in deutschen Unternehmen ergab, dass über 56 Prozent der Mitarbeiter mit ihrem Chef unzufrieden sind. Lediglich 20 Prozent der Befragten sind mit ihrem Vorgesetzten zufrieden, 23 Prozent gaben ihrem Chef sogar die schlechteste mögliche Bewertung.

Es gibt großen
Handlungsbedarf

Die Zahlen zeigen, dass es in Sachen Führung in deutschen Unternehmen offenbar großen Handlungsbedarf gibt. Denn insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels können es sich Betriebe nicht mehr leisten, ihre Mitarbeiter mit einem Scheusal als Boss zu vergraulen. Ein Unternehmen, das nur die Euro-Zeichen im Auge hat und nach dem Prinzip „höher, schnell, weiter“ wirtschaftet, seine Mitarbeiter aber links liegen lässt, wird sich nicht lange auf dem Markt halten können. Denn innen „brodelt“ es. Und dass unzufriedene Mitarbeiter weniger leistungsstark sind, versteht sich von selbst.

In ihrer „Sandwich-Position“ spielt das Gespür von Führungskräften für die Arbeitsatmosphäre daher eine große Rolle. Im Umgang mit den Mitarbeitern müssen sie die Balance zwischen Kritik und Anerkennung finden. Mehr Einsatz für die Angestellten, mehr Feedback und öfter mal ein Lob für gute Arbeit reduziert übrigens auch die Fehlzeiten. Das hat das wissenschaftliche Institut der AOK in Kooperation mit der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin in ihrem aktuellen Fehlzeiten-Report 2011 festgestellt. Demnach haben Mitarbeiter, die von ihren Führungskräften gut informiert werden und Anerkennung erfahren, weniger gesundheitliche Beschwerden und identifizieren sich häufiger mit ihrem Unternehmen. Das erhöht auch den Unternehmens-erfolg. „Doch viele Chefs verhalten sich nicht entsprechend. Selbst kleine Selbstverständlichkeiten, wie ein Lob bei guter Leistung, erhalten mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nicht von ihrem Vorgesetzten“, erklärt Helmut Schröder, Mitherausgeber der Studie. Insgesamt haben die Experten Mitarbeiterbefragungen in 147 Unternehmen mit insgesamt 28.223 Teilnehmern zur „Führungsaufgabe Gesundheit“ analysiert. Demnach nehmen 54,5 Prozent der befragten Mitarbeiter Lob von ihrem Vorgesetzten nur selten oder nie wahr. 41,5 Prozent sagen aus, dass ihre Meinung vom Vorgesetzten bei wichtigen Entscheidungen nicht beachtet würde. Gleichzeitig ist jedoch mehr als ein Drittel (35,5 Prozent) der Befragten überzeugt, dass durch mehr Einsatz des Vorgesetzten für die Mitarbeiter die gesundheitliche Situation am Arbeitsplatz verbessert werden kann. „Ein gesundheitsfördernder Führungsstil beeinflusst das Befinden der Mitarbeiter positiv und hilft auch, die Fluktuation im Unternehmen gering zu halten“, erläutert Schröder. Ein Grund mehr für Unternehmer, bei der Wahl ihrer Führungskräfte genauer hinzuschauen. 
 

Von Anja Wittenberg Donnerstag, 2. Februar 2012