Sun Jun 24 07:30:31 CEST 2018

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Generation Postfaktum - die große Resignation

Wie konnte es dazu kommen, dass europa- und weltweit Populisten ausgerechnet in jenen Gesellschaften die Oberhand gewinnen, denen es doch gut zu gehen scheint? Warum spielt die Wahrheit keine Rolle mehr, wohl aber die Emotion? Unsere demokratischen Systeme sind einer schweren Probe ausgesetzt, unserer Wirtschaft drohen starke Erschütterungen – das sagt Christoph Almering, Journalist, Publizist und Geschäftsführer der Social-Media-Agentur web-kon. In Wirtschaft aktuell und in Wirtschaft aktuell „online“ verdeutlicht er, wie es soweit kommen konnte und wohin die Entwicklung führen kann.

Christoph Almering (Jahrgang 1967), gelernter Germanist und Politikwissenschaftler (Magister Artium), hat als Politikredakteur bei deutschen Tageszeitungen und dann zehn Jahre lang als Chefredakteur für Wirtschaft aktuell gearbeitet. Später war der Journalist und Publizist in Verwaltung und Politik aktiv, bevor er als Geschäftsführer einer Social-Media- und Internet-Agentur (in Stadtlohn) in die freie Wirtschaft zurückkehrte.
Foto: Terhörst

Als Frank Plasberg den Faktencheck erfand, handelte er aus Notwehr. Es war eine Krücke, damit seine Sendung „Hart, aber fair“ weiterlaufen konnte. Im Prinzip wussten sich Plasberg und seine Redaktion nicht anders zu wehren gegen ein um sich greifendes und zunehmendes Verhalten, das davon geprägt war, dass man ungeniert Behauptungen aufstellte, die aus der Luft gegriffen waren. Die Empörung hielt sich in Grenzen, die Scham derjenigen, die in der Sendung saßen und ihre Weisheiten zum Besten gaben, sowieso. Je selbstverständlicher den Gästen der Sendung die Un-wahrheit über die Lippen kommt, desto glaubhafter kommt sie herüber. Das haben nicht nur die – in der Regel politischen – Gäste bei „Hart, aber fair“ erkannt. Was blieb Plasbergs Redaktion anderes übrig, als sich mit diesem „Notausgang Faktencheck“ gegen die Auswüchse willkürlichen Gebrabbels zur Wehr zu setzen?

Der Faktencheck ist längst als probates Mittel akzeptiert, den Wahrheitsgehalt von Aussagen der Gäste zu prüfen. Immerhin, man macht sich noch die Mühe, so etwas Traditionsbeladenes wie „die Wahrheit“ überhaupt noch zu hinterfragen. Damit stehen Plasberg und seine Leute noch in der Tradition einer Wertegesellschaft, die sich um Tugenden wie Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit noch schert. Man möchte das Redaktionsteam angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Kampfes um die Wahrheit fast schon belächeln. Denn die Gesellschaft ist anders geworden. Sie toleriert Gesagtes und Geschriebenes immer mehr unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Die Menschen akzeptieren, dass Aussagen dadurch an Bedeutung gewinnen, dass sie überhaupt gemacht werden, nicht, ob sie inhaltlich fundiert, wahr oder plausibel sind. Das Faktische wird zunehmend unbedeutend, das Emotionale und der Effekt einer Äußerung auch jenseits aller Fakten und Wahrheiten triumphieren.

Damit ist unsere Kommunikation schleichend, aber unübersehbar in ein neues Zeitalter übergegangen. Es ist das Zeitalter der Postfaktizität. Alle Menschen reden darüber, aber nur wenige halten sich für einen mitverantwortlichen Teil dieser neuen Generation Postfaktum. Aber es verändert uns gleichsam mit. Wie so oft, wenn sich Verhaltensweisen gesellschaftlich flächendeckend verändern, übernehmen die Menschen heute und morgen Verhaltensmuster, die ihnen vielleicht gestern noch zuwider waren.

Postfaktisch – wie hat es dieser Begriff überhaupt zu so zweifelhaftem Ruhm geschafft? Er ist schließlich nicht neu. Aktuell errang er zwar den Titel „Wort des Jahres 2016“ durch die Gesellschaft der deutschen Sprache. Und namhafte Zeitgenossen haben sich schon aufgemacht, den Begriff feinzujustieren und ihn in die Vokabel „kontrafaktisch“ zu überführen, weil sie nicht nur eine Haltung jenseits von Fakten und Wahrheiten erkennen, sondern eine, die sich direkt dagegen wendet. Belassen wir es heute beim Wort des Jahres 2016. Bekannt ist der Begriff schon seit 2004, zumindest im englischen Sprachraum als „post-truth“. Damals schrieb der Amerikaner Ralph Keyes das bemerkenswerte Buch „The Post-Truth Era“, und tatsächlich hatte das damit bezeichnete Phänomen schon zu jener Zeit um sich gegriffen.

Warum also aktuell dieser Hype? Die Antwort ist so einfach wie besorgniserregend: Weil dieses Phänomen derart an unserer Gesellschaft rüttelt, dass es sie zu verändern begonnen hat. Und wer halbwegs aufmerksam hinschaut, kann die Veränderungen beobachten und muss sich Sorgen machen. Sorgen um das Miteinander in unserer Gesellschaft, Sorgen um unsere wirtschaftliche Stabilität, Sorgen um unsere Demokratie. Denjenigen, die auf diese Problematik hinweisen, wird häufig Alarmismus vorgeworfen. Verkennend, dass der eklatanteste Alarmismus unserer Zeit eben dem postfaktischen Populismus selbst innewohnt, der ja gerade um jeden Preis die Gesellschaften in Alarmstimmung und Angst versetzen möchte. Wir haben es hier längst nicht mehr mit dem vielbesungenen Gewitter zu tun, das schon so manches Mal die vermeintlich stickige Luft gerade westlicher Demokratien gerei-nigt haben soll (vom Misstrauensvotum bis zum Regierungssturz). Es ist auch mehr als nur ein Sturm, der im demokratischen Herbst das welke Laub von den alten Bäumen weht, auf dass es irgendwann wieder Frühling werde. Nein, diesmal ist es mehr als Sturm und Gewitter. Diesmal dringt der saure, ätzende Regen des Populismus dem demokratischen Gewächs bis tief ins Wurzelwerk. Alarmiert sein sollten wir vor allem wegen der Wirkung, die die neue Epoche der Postfaktizität entfaltet.

Ein neuer Isolationismus gefährdet die Wirtschaft

Werfen wir einmal einen Blick auf die weltweite Wirtschaft und die Aussichten, die uns die bedeu-tendsten Prognostiker ins Haus liefern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beispielsweise betont für seine Verhältnisse aufrüttelnd offen, dass er die Weltwirtschaft einer ernstzunehmenden Erschütterung ausgesetzt sieht, weil politischer Populismus, wirtschaftliche Abschottung und pauschale Globalisierungskritik das Wachstum hemmten. So beschreibt er es in seinem jüngsten halbjährlichen Konjunkturbericht. Und die Süddeutsche Zeitung analysierte am 5. Oktober in ihrer Online-Ausgabe, dass eine populistisch ausgerichtete pauschale Globalisierungskritik die Wirtschaftsordnung massiv durcheinanderrütteln kann. Das Blatt schreibt:

„Die weltwirtschaftliche Ordnung basiert heute auf Arbeitsteilung und dem freien Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kapital. Die grandiosen Maschinen etwa, die deutsche Firmen so erfolgreich in alle Welt verkaufen, wären nichts mehr wert, wenn andere Staaten ihre Märkte plötzlich abschotteten. Umgekehrt wären in Südeuropa notwendige Investitionen kaum noch finanzierbar, wenn die Deutschen ihr Erspartes nicht mehr im Ausland anlegten. Diese Zusammenhänge unterschlagen Kritiker oft. [...] So verlockend die Idee einer wirtschaftlichen Abschottung erscheint und so berechtigt der Ruf nach einer besseren, gerechteren Gestaltung der Globalisierung auch ist: Der Schlüssel zur Lösung der Probleme liegt nicht in weniger, sondern in mehr weltwirtschaftlicher Zusammenarbeit." (Süddeutsche Zeitung online, 05.10.2016)

Gerade aus Richtung des Rechtspopulismus sind die Tendenzen zu einer neuen Form des  Isolationismus nicht nur erkennbar, sondern wachsen immer deutlicher zum Kern der eigenen Zielsetzung aus. Gepaart mit einer fremdenfeindlichen Grundeinstellung, propagieren gerade rechtspopulistische Kräfte verstärkt eine Abschottung der eigenen Märkte. Dort, wo sie damit Erfolg haben, muss das zwangsläufig bis in die hintersten Ecken der eigenen Volkswirtschaft durchschlagen. Das markanteste Beispiel ist die Lage in Großbritannien. Dort geht man seitens des IWF schon jetzt davon aus, dass die dortige Wirtschaft noch vor dem formalen Austritt – allein durch die Entscheidung, dass dieser kommen wird – im Jahr 2017 mindestens 30 Milliarden Euro verliert. Sollte dieses Modell Nachahmer finden, wird das dramatisch einschneidende Auswirkungen für die europäische Wirtschaft haben. Und gerade ein exportorientiertes Land wie Deutschland wird das zu spüren bekommen.

Wie konnte es dazu kommen, dass wir uns heute – in Zeiten, in denen es nun wahrlich nicht schlecht geht – einer unsere Demokratie und unser Wirtschaftssystem gefährdenden Situation ausgesetzt sehen? Schlimmer noch: Wie kann es sein, dass eine offenkundig wachsende Zahl an Menschen in den etablierten Demokratien europa- und weltweit diesen gefährlichen Weg mit ihrer Stimme sowohl an der Urne als auch in den sozialen Netzwerken unterstützt? Verstehen es die Menschen wirklich nicht? Sind unsere Gesellschaften so verdummt, wie es viele behaupten, dass wir das Problem mit Intellekt und gesundem Menschenverstand nicht mehr zu beherrschen imstande sind?

Die historische Bewerbung der Gegenwart

Das wäre weiß Gott zu einfach. Der in der Tat überhebliche Aufschrei nach der US-Wahl, dass dort ein ganzes Land verblödet sein muss, ist eine grobe Fehleinschätzung. Selbst der „Spiegel“ ließ sich durch seinen Chefredakteur zu der Aussage hinreißen, dass „60 Millionen Amerikaner [...] also dumm“ seien. Was für eine unerhörte Pauschalisierung! So gern man das auch glauben würde, zeigt es doch, dass selbst im Diesseits der vermeintlichen Vernunft die Untugend der Postfaktischen bemüht wird: Man reduziert ein gewaltiges Ereignis und all seine damit verbundenen Fragen auf die einfachstmögliche Antwort. Man befasst sich nicht mit der Komplexität dessen, was da vor sich gegangen ist, und schon gar nicht macht man sich die Mühe, auf diese Ereignisse aus der Zukunft zurückzublicken. Diese Methode hat sich doch eigentlich bewährt: die Fragestellung, wie man die heutigen Geschehnisse morgen wohl historisch bewerten mag. Aber sie ist anstrengend und sie verlangt nach Distanz zu einem Vorgang, der uns emotional gerade alle mitgerissen hat. Hätte der „Spiegel“ sich in seiner Bewertung um diese Distanz bemüht, hätte er gesehen, dass vielleicht tatsächlich nicht der gesunde Menschenverstand, nicht die Einsicht in das Gemeinwohl, nicht das richtige Abwägen einer Entscheidung mit Blick auf die Zukunft die Oberhand behalten haben. Aber er hätte ein verführtes, zerrissenes Volk gesehen, das sich von einfachen Antworten blenden ließ, die mit der Wahrheit in der Regel so viel gemein hatten wie Donald Trump mit der amerikanischen Frauenrechtsbewegung. 

Donald Trump – ja, er muss auch hier herhalten – ist der Idealtypus dieser neuen Generation. Man kann nur ahnen, wie weit ihm das selbst überhaupt bewusst ist. Fakt ist, dass es noch niemals in der Geschichte der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen einen Kandidaten gab, der so lässig und unberührt Unwahrheiten verbreitete wie Donald Trump. Politische "Faktenchecker" wollen festgestellt haben, dass 70 Prozent der Aussagen Trumps im Wahlkampf teilweise oder ganz falsch waren. Erlogen. Dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei, behauptete er. Wissenschaftlicher Gewissheiten, die jedem Schulkind geläufig sind, entledigte er sich, als schüttele er eine lästige Fliege ab. Nein, die Chinesen hätten dieses Konzept des Klimawandels erfunden, um damit der amerikanischen Industrie zu schaden.

Nun wissen wir, dass solche Aussagen Trump nicht auf seinem Weg ins Weiße Haus aufhalten konnten. Im Gegenteil. Er hätte sagen können, dass die Erde eine Scheibe sei und die Chinesen uns die Geschichte von der Kugelförmigkeit nur vorgaukelten, um uns in die Irre zu leiten. Es war vollkommen egal, was er sagte. Es ging darum, dass er es sagte und wie er es sagte: emotional übersteigert, mit einem klaren Feindbild, an dem man sich ab sofort abkämpfen konnte. Und zweifellos war den meisten Amerikanern, selbst seinen Anhängern sogar klar, dass Trump log. Aber sie wollten die Erkenntnis mitnehmen: Die Chinesen sind schuld, sie sind die Bösen. Und auch wenn sie den Klimawandel nicht wirklich erfunden haben, so wären sie bestimmt jederzeit bereit und willens, es zu tun, um Amerika zu schaden. Ja, sie die Bösen sein. Und die illegalen Einwanderer ebenso, die Homosexuellen-Bewegungen, die Umweltschützer, ja, selbst Angela Merkel – und das in Amerika. Sie alle sind schuld.

Schuld woran auch immer. Denn das ist nicht immer klar. Und genau da liegen die Parallelen, wenn man sich den großen Trend zum Populismus der Gegenwart anschaut. Deutschland steht dem vielerorts in nichts nach. Das fremdenfeindliche Flüchtlings-Bashing in Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD bei den Landtagswahlen weit nach oben gespült. Plötzlich fühlten sich große Teile der Bevölkerung „abgehängt“ – ein Begriff, der in der engeren Wahl zum Wort des Jahres war, sich dann aber „postfaktisch“ beugen musste. Plötzlich ging es allen gar nicht mehr so gut, die Zukunftsprognosen wurden ungeachtet aller Wirtschaftsdaten immer düsterer. Ganze Fluten von Flüchtlingen schienen Mecklenburg-Vorpommern zu überschwemmen, um den Menschen die Arbeit, das Geld, den Wohnraum und auch alles andere wegzunehmen.

Die Faktenlage sah freilich anders aus, aber die Tatsache, dass sich auf ganz Mecklenburg-Vorpommern gerade einmal 6.000 Flüchtlinge verteilen – und damit in Relation zu anderen Bundes-ländern deutlich weniger –, wurde ausgeblendet. Und wenn die Fakten doch einmal wieder durchzuschimmern begannen und nicht zu widerlegen waren, dann wurde es verschwörungstheoretisch: Die „Lügenpresse“ – ein geheimbündlerischer und der Regierung und dem Establishment verpflichteter Interessenverband, bestehend aus praktisch allen Medienhäusern einschließlich der Öffentlich-Rechtlichen – wollte die Menschen wieder einmal täuschen und für dumm verkaufen.

Auf dem Weg in den totalen Skeptizismus
 
Wir geraten zunehmend in den Würgegriff eines totalen Skeptizismus. Alles, was in unserem demokratisch geprägten Gesellschaftssystem als etwas etabliert war, das für Seriosität und Wahrhaftigkeit stand, wird heute nicht nur hinterfragt (was ja sogar wünschenswert wäre). Nein, wir verlieren unser Vertrauen in Symbole unserer offenen Gesellschaft. Nehmen wir ein einfaches Beispiel wie die „Tagesschau“. Fast ikonengleich stand sie da: für kritischen, ehrlichen, seriösen Journalismus ihrer schulmäßig recherchierenden Redaktionen. DIE Nachrichtensendung der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die Instanz, der man glaubte, was sie berichtete.

Und heute? Nie zuvor lagen gerade die öffentlich-rechtlichen Anstalten und ihre Flaggschiffe wie die „Tagesschau“ derart unter Feuer wie heute. AfD, Pegida, Wutbürger aller Art – alles behauptet, fest davon überzeugt zu sein, dass nicht nur einzelne Boulevardblätter, nein, dass gleich alle Medien des Landes – auch die „Tagesschau“ – bewusst falsch berichten. Selbst anerkannte öffentlich-rechtliche Medien stehen da als Teil eines dunklen, aus dem Hintergrund arbeitenden Machtapparates, der das Ziel hat, das Volk zu manipulieren und zu kontrollieren. Wer da in diesem Machtapparat welches Motiv haben könnte, bleibt bewusst unklar. Denn Klarheit schwächt den Populismus. Wichtig ist den Blendern, dass Zweifel entstehen, die die Bürger skeptisch machen. Verunsicherung soll die Menschen vom Establishment lösen und in die Arme vermeintlicher Retter treiben, die diesem angeblichen Geklüngel ein Ende setzen.

Zurück in die USA: Was diese Strategie des Angstschürens, der Verunsicherung bewirken kann, haben wir dort gerade erlebt. Die flächendeckende Skepsis gegenüber etablierten Parteien und Institutionen, gegenüber den Medien im Ganzen, gegenüber einzelnen Menschengruppen, gesät durch einen Mann, der sich nicht einmal die Mühe machte, seine Lügen wie wahr aussehen zu lassen, haben das demokratische System der USA in seinen Grundfesten erschüttert. So sehr auch betont wird, dass es doch eine demokratische Wahl mit einem demokratischen Ergebnis gewesen sei, so sehr wird außer Acht gelassen, dass demokratische Grundprinzipien verraten wurden, und es steht zumindest zu befürchten, dass sie mit Trumps Amtsantritt auch weiterhin verraten werden. Minderheitenrechte, Gemeinwohlinteressen, Meinungsfreiheit: Demokratie ist nicht allein das Recht einer mathematischen Mehrheit, sondern auch das Recht des Einzelnen und der Minderheit. Gesellschaften wie in den USA aber laufen Gefahr, Demokratie als Diktatur der Masse misszuverstehen.

Postfaktisches Storytelling - wie es funktioniert

Das Vorgehen beim postfaktischen Storytelling im Zusammenhang mit Themen unserer Zeit wiederholt sich täglich. Es folgt einem einfachen Set von Mustern. Das Lügenpresse-Motiv etwa scheint besonders gut zu funktionieren, wenn man eigene Lügen unters Volk bringen will. Man erfinde eine böse Geschichte über Flüchtlinge, verbinde sie mit der Frage, warum wohl die Presse mal wieder nicht davon berichtet, und streut sie grölend unters Social-Media-Volk. Wie bei der berühmten Geschichte vom Ziegenmord von Lostau. Verschiedene Medien, unter anderem der SPIEGEL, haben bereits ausführlich darüber berichtet. Dieser Geschichte nach haben Flüchtlinge im sachsen-anhaltinischen Lostau Ziegen aus einem Streichelzoo gestohlen, getötet und verzehrt. Hört sich spektakulär an, stimmt aber nicht: Den Streichelzoo in Lostau gibt es nämlich nicht. Der SPIEGEL hat die Spur der Geschichte zurückverfolgt. Urheber war Peter Knoche, ein AfD-Politiker aus Wuppertal. Mit den Fakten aus Lostau konfrontiert, hat er die Geschichte von seinem Facebook-Profil gelöscht und sie kurzerhand in eine andere deutsche Stadt verlegt. Dort wusste man aber auch nichts von einem Ziegenmord. Doch es wirkt: Der Hass auf Flüchtlinge und Ausländer wächst, weil gerade in den sozialen Medien die Nutzer nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden können. Der Populismus läuft zur Hochform auf. Mit einem wahren Trommelfeuer von Fake-News wiegeln sie auf, diskreditieren politische Gegner. Und täglich lernen die Verfasser dieser Falsch-Nachrichten dazu, formulieren den Fake immer subtiler. Waren es anfangs noch wahllos verteilte Lügengeschichten im Netz, sind sie heute mitunter Einzelteile  strategischer Desinformationskampagnen. Kennen Sie den Denver Guardian? Viele Amerikaner kennen diese Zeitung, wurde sie doch im US-Wahlkampf Tausende Male zitiert. Eine Zeitung, die es gar nicht gibt. Weder online noch offline. Gleichwohl hatte sie einen durchaus beachtlichen Output an Nachrichten. Gefakten Nachrichten wohlgemerkt, die aber einen gewissen Grad an Glaubwürdigkeit erreichten, weil sie schließlich aus dem berühmten Denver Guardian stammten - das hörte sich zumindest seriös an, und das reichte vielen Wählern. Man muss kein Experte sein, um zu sehen, dass dies kein Werk von Amateuren ist. Die Zeit wird zeigen, wer da wirklich so alles mitmischt, wenn es darum geht, organisiert und in großem Stil Gesellschaften zu desinformieren, zu zersetzen. Partei-Strategen, Big-Data-Unternehmen, Geheimdienste - selbst Putins Dementis bezüglich möglicher Beteiligungen Russlands fallen zaghaft aus. Und schon jetzt werfen die in den Himmel wachsenden Möglichkeiten der Manipulation ihre Schatten auf die anstehenden großen Wahlen in Europa, auch auf unsere Bundestagswahl.

Das soziale Netz wimmelt von erfundenen Geschichten, die die Menschen täuschen sollen. Seit längerer Zeit gibt es Gegenbewegungen wie die Seite "Mimika", die solche Fakes immer wieder entlarvt, und ein deutscher Internetunternehmer will dem rechtspopulistischen US-Forum "Breitbart" ein aufklärerisches Online-Portal namens "Schmalbart" entgegensetzen. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Lügen zu erfinden ist einfacher, als sie zu widerlegen. Ein Vorsprung des Populismus, der uneinholbar ist. Und in unseren Zeiten glauben die Menschen diesen Geschichten zu gern. In Deutschland etwa über vom Sozialamt mit riesigen Geldsummen ausgestattete Flüchtlinge, in England, angeführt vom schamlosen Lügenbaron Boris Johnson, über eine das Land bedrohende EU, in Amerika über böse Chinesen und kriminelle Einwanderer oder auch darüber, dass Barack Obama gar kein Amerikaner, sehr wohl ein IS-Unterstützer sei ... Diese Geschichten liefern den Menschen einfache Antworten auf komplexe Fragen. In ihrem leichtesten Unbehagen werden sie bestätigt und bestärkt, sodass sich ihr Befinden subjektiv zum Schlechten verändert. Bis hin zu einem Zustand, in dem sie sich abgehängt, vergessen, ungerecht behandelt fühlen. Eine von außen gesteuerte Selbsttäuschung.

Unsere Gesellschaft - eine eingebildete Kranke

Unsere Gesellschaft ist eine eingebildete Kranke. Ein Hypochonder Der Lebensstandard ist höher denn je, aber die Masse der "Wutbürger" - noch so ein Wort aus der Zeit geboren - wächst und wächst, weil die Gesellschaft leidet. Sie leidet unter Atomstrom und unter der Abschaffung desselben, unter Atommüll und deren Entsorgung, unter Bahnhofbauten und unter Verkehrsinfarkten, unter "Flüchtlingswellen" und unter allgegenwärtigem Nachwuchsmangel. Alles gleichzeitig. Wir leben in einer Befindlichkeitsdemokratie. Was die eigene, ganz persönliche Befindlichkeit stört, löst ungezügelte Wut aus und schlägt sich nieder in radikaler  Auflehnung gegen diejenigen, die diese Befindlichkeitsstörung angeblich verursacht oder zu verantworten haben. Da das nicht immer leicht zu lokalisieren ist, reicht es völlig aus, ein vermeintliches Establishment oder "die da oben" dafür verantwortlich zu machen. Für das Durchsetzen persönlicher Interessen ist man bereit, nur das zu glauben, was man auch glauben will. Das gilt insbesondere in den Echokammern der sozialen Netzwerke, wo man sich ausschließlich mit Gleichgesinnten auseinandersetzt und nur die Einschätzungen bekommt, die man sich wünscht. Diese gesellschaftliche Gemütslage machen sich Populisten zunutze. Aussagen und Behauptungen, die angeblich helfen, persönliche Interessen des Empfängers dieser Botschaften durchzusetzen, erhalten ihren Wert allein durch ihre Wirkung und dadurch, dass ein Ziel damit erreicht werden könnte. Die Wahrheit gerät ins Hintertreffen, sie spielt genau genommen gar keine Rolle.

Die Folge wird sein, dass sich das Faktische und das Erwiesene aus unserer Lebensrealität mehr und mehr zurückziehen. An ihre Stelle treten Parallelwelten, die konstruiert werden, um damit Interessenskonflikte zu gewinnen. In bestimmten Sphären ist uns das durchaus geläufig. Im Showgeschäft etwa ist das immer schon so gewesen: Der Schein bestimmte und bestimmt immer noch das Sein. Ein Star ist das, was er vorgibt zu sein und was seine Fans in ihm sehen wollen. Ein Star verkörpert nur selten das, was er wirklich ist. Oder blicken wir in die Welt der Werbung. Auch dort gibt es seit jeher gar den Konsens und auch das Bewusstsein, dass ein Produkt selten hält, was die Werbung verspricht. Man akzeptiert die der Werbung innewohnende Hyperbolik, die marktschreierische Übertreibung, die nicht dem tatsächlichen Sein des Produkts entsprechen muss. Das gab es schon im Mittelalter Jetzt aber setzt sich dieses Phänomen immer stärker in anderen Sphären durch, in denen wir bislang die Lüge eigentlich nie akzeptiert haben. Gerade in der Politik ist die Lüge gewiss nichts Neues, aber sie hatte keine Akzeptanz. Wer als Politiker der Lüge überführt wurde, hatte verloren. Heute ist das in der Breite nicht mehr von Belang. Die Lüge ist salonfähig geworden. Die Akzeptanz des Postfaktischen ist der Unterschied zu früheren Zeiten. Auch in der Politik, ebenso aber in der Wirtschaft, ja, in der gesamten Gesellschaft.

Der Triumph des Postfaktischen macht alle Entwicklungen unberechenbar. Wir können in vielen Bereichen, vor allem in Politik und Gesellschaft, keine zuverlässigen Vorhersagen mehr treffen. Während wir bislang Prognosen auf der Grundlage von Umfragen, Erfahrungswerten und aktuellen Zuständen erstellt haben und dabei immer von faktischen Gewissheiten ausgegangen sind, fallen zwei entscheidende Messgrößen jetzt immer stärker weg: simple Fakten und die Muster menschlichen Verhaltens. Denn Fakten werden heute einfach infrage gestellt. Und damit auch gültige Gewissheiten. Sie werden mitunter ins Gegenteil verkehrt. Das hat in der Geschichte schon häufig "funktioniert". Zum Beispiel im Nationalsozialismus, aber auch in anderen geschichtlichen Kapiteln, wenn es darum ging, eine Gruppe Mitmenschen zum Sündenbock für vermeintliche Fehlentwicklungen zu stempeln. Die ungezählten Verschwörungstheorien und systematisch konstruierten Vorurteile über Juden haben das menschliche Verhalten in Deutschland in eine von den Nationalsozialisten gewollte Richtung gelenkt, in Hass und ungehemmte Vernichtungsbereitschaft. Während der Antisemitismus seinerzeit schon ein durchaus präsentes Phänomen war, das dann schlussendlich in den ultimativen Exzess gesteigert wurde, müssen wir heutzutage davon ausgehen, dass sich neue Ressentiments gegen Gruppen und Institutionen herausbilden, die in ihrer Wirkung und Dimension im Moment noch schwer zu prognostizieren sind.

Die Gesellschaft verliert den Zusammenhalt

Der Zusammenhalt der Gesellschaft löst sich auf. Es gab immer eine Klammer, die unsere Gesellschaft zusammengehalten hat: das war der demokratische Konsens. Diese Klammer hat sich gelöst. Dadurch verliert die Gesellschaft ihren Halt. Die Menschen lösen sich aus dem Gebinde und schwirren lose durch einen Raum, der keine Grenzen und keine Planken hat wie früher. Sie fügen sich nicht mehr in die Regeln des einstigen Konsenses, sondern sind bereit, sich unter neuen Dächern und in neuen Klammern eine neue Gemeinschaft zu suchen.

Die Gemeinschaften unter diesen Dächern setzen sich zunehmend aus Gruppen zusammen, die sich nach einfachsten Antworten auf Fragen sehnen, die an sich zu komplex dafür sind. Es ist das Dach des Populismus. Die Verführten sehen oft nicht oder wollen nicht sehen, dass mit dem Establishment, dem man den Rücken kehrt, vor allem das etablierte demokratische System mit seinen Grundprinzipien wie Toleranz, Achtung von Menschenwürde, Respekt gegenüber Minderheiten, Sozialstaatlichkeit  gemeint ist.

Der Umgang mit dem Flüchtlingsthema hat uns das eindrucksvoll vor Augen geführt. Während sich die rationale Politik abstrampelt, um Lösungen zu finden, die für die aufnehmende Republik und deren Menschen verträglich sind und gleichzeitig die Not der Flüchtenden lindert - alles in dem Versuch, die Lösung europaweit zu gestalten -, macht es sich der Populismus traditionell einfach. Mathematische Obergrenzen, die nötigenfalls mit Schießbefehlen durchzusetzen seien, Grenzen dicht, radikalste Abschiebungspolitik ohne Kompromisse. Fertig. Die einfachste Antwort - egal wie radikal sie ausfällt - erspart mühsames Nachdenken, und in einer Wohlstandsgesellschaft wie unserer mit ihren unendlichen Komfortzonen lassen sich Menschen offensichtlich zunehmend gern auf diese einfachen Antworten ein.

Die erschöpften Demokratien

Unsere Demokratien sind erschöpft. Ausgelaugt. Träge und nicht bereit, den inneren Schweinehund zur aktiven Erholung zu überwinden. Wir haben es vielleicht alle nicht früh genug bemerkt. Es fühlte sich alles so sicher, so gewohnt an. Dass sich "im Westen" daran etwas ändern könnte, halten bis heute die wenigsten kaum für möglich. So viele Jahre Frieden, die Kriege so weit weg (wobei allein das schon ein Trugschluss ist), Pressefreiheit, Meinungsfreiheit - einfach Freiheit. Die jüngeren Generationen in unserem Land kennen gar keine Grenzen auf dem Weg ins Nachbarland mehr. Aber diese Selbstverständlichkeiten sind zugleich das Problem. Wir haben uns in unseren Wohlfühlzonen einlullen lassen. Die Feinde der Demokratie waren nie tot, sie schlummerten nur tief. Und die Demokratien selbst lassen sich vom Tiefschlaf anstecken. Dummerweise sind ihre Feinde früher erwacht. Vielleicht sind unsere gesellschaftlichen Räume zu miefig, es fehlt die frische Luft, und wir werden zunehmend träge und wollen uns nicht mehr anstrengen. Das Reflektieren darüber, was draußen wirklich vor sich geht und was uns droht und bedroht, fällt uns schwer, weil das Bedrohliche so unendlich weit weg erscheint. Putins Machtstreben im Osten, seine Übergriffe auf Nachbarn, ob Ukraine oder Georgien - weit weg von uns. Es interessiert uns nicht. Erdogans Autokratie-Bestreben in der Türkei - nun ja, so schlimm wird es schon nicht werden, und wenn, dann ist auch das jenseits unseres kuscheligen  bundesrepublikanischen Wohnzimmers, in dem uns das Herdfeuer der Verfassung und des gesellschaftlichen Konsenses langsam, aber sicher in den Schlaf geheizt hat.
 
Jetzt werden wir aufgerüttelt. Die scheinbaren Außenseiter an den populistischen Rändern - nicht nur rechts, auch links, das wird gern mal übersehen - bekommen einen frischen Wind um die Nase geweht, der sie beflügelt, und sie saugen diese Morgenluft gierig ein. "Steht auf, macht mit, dann geht es euch besser", scheinen sie den Menschen zuzurufen, und tatsächlich lassen sich viele aufrütteln und sich aufs Glatteis ziehen wie der sprichwörtliche Esel, dem es zu wohl geht. Ein bisschen Bewegung kann nicht schaden, und wenn es nur aufs dünne Eis geht. Und es ist eine Bewegung. Eine, die nicht an Grenzen halt macht, wie wir gelernt haben, sondern die sich zu einer weltweiten Bewegung ausgewachsen hat und die nach und nach alle klassischen, zumindest aber die westlichen Demokratien mitzureißen scheint. In Europa sowieso, ob in den Niederlanden durch Geert Wilders, in Frankreich durch den Front National von Marine Le Pen, in Deutschland durch AfD und Pegida, in Österreich durch den nur knapp geschlagenen, aber sicherlich nicht in die Verbannung geschickten Hofer und und und. Selbstverständlich auch und besonders in den USA.

Diejenigen, die an Verunsicherung und Angst in einer Gesellschaft ein Interesse haben, haben leichtes Spiel. Noch nie war es so leicht, diese Mischung aus Einschüchterung und Aufwiegelung so zu forcieren wie heute über die sozialen Netzwerke. Früher, in Zeiten des Kalten Krieges, war es ein übliches Mittel, aber es war aufwendiger, weil man die Massen nicht so leicht erreichte. Aber heute? Russische Hackerattacken und gezielte Desinformationskampagnen auf Social-Media-Plattformen oder von Medien wie Russia Today sind an der Tagesordnung. Der „Fall Lisa“ über die angebliche und später als komplett falsch widerlegte Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens aus Berlin durch Flüchtlinge zeigt, wie weit das führen kann, denn die propagandistisch ausgeschlachtete Geschichte hat selbst nach Bekanntwerden der tatsächlichen Umstände zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Russland und Deutschland geführt. Und die Rechtspopulisten in Deutschland nahmen die Geschichte nur zu gern auf und nutzten sie zu einer denkwürdigen Hetze gegen Flüchtlinge in Deutschland.

Und wo sind die wahren Demokraten geblieben? Die großen Volksparteien in unserem Land, die verfassungsmäßig dazu da sind, das Wesen der Demokratie zu fördern und zu schützen? Vielfach scheint sich eine große Resignation breitgemacht zu haben. Fast schon hilflos schauen sie zu, wie die Populisten ihnen das Wasser bei den Menschen abgraben. Sie haben keine Rezepte, eben weil die Situation auch für sie neu ist. Alles verliert sich in Schuldzuweisung und Selbstzerfleischung, anstatt den Kampf aufzunehmen und mit der Kraft des gesunden Menschenverstands und des unablässigen Argumentierens verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Erst langsam besinnen sie sich ihrer Bestimmung und denken zum Beispiel im Zusammenhang mit bewusst verbreiteten Falschmeldungen im Internet über gesetzliche Maßnahmen nach.

Die Rahmenbedingungen sind in großen Teilen identisch: Wir sprechen hier nicht von Ländern, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich in einer tiefen Krise befänden. Oft ist das Gegenteil der Fall. Nehmen wir die Beispiele Deutschland und Amerika: Selten hatten wir einen so hohen Beschäftigungsgrad wie heute, die Arbeitslosigkeit in beiden Ländern ist drastisch zurückgegangen, die Grundeinkommen sind gestiegen. Letzteres bezweifeln viele, weil den Menschen immer und immer wieder vorgegaukelt wird, es sei genau umgekehrt. Aber die Zahlen sagen etwas anderes. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat das sehr anschaulich - und vor allem sozialwissenschaftlich fundiert - dargestellt (http://www.arm-und-reich.de/verteilung/mittelschicht.html). Dort heißt es:

Die Mittelschicht ist in Deutschland nach der Wiedervereinigung – insbesondere im Osten des Landes – zunächst gewachsen, nach der Jahrtausendwende allerdings wieder auf das Niveau von 1991 zurückgegangen. Die Hartz-Gesetze gingen dagegen nicht zulasten der Mittelschicht: Seit 2005 ist deren Größe praktisch unverändert geblieben. Wie auch Anfang der 1990er Jahre verfügt ziemlich genau die Hälfte der Bundesbürger über ein Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des Medians. Die Mittelschicht im weiteren Sinne – also in der Einkommensspanne von 60 bis 250 Prozent – umfasst sogar rund 82 Prozent.

Selbstverständlich gibt es Menschen aus der Mittelschicht, die sich finanziell verschlechtern – ein Massenphänomen ist das in Deutschland allerdings nicht. In den vergangenen zwanzig Jahren sind jeweils nur 2 bis 3 Prozent der Mittelschicht in die Einkommensarmut abgerutscht – doch zwischen 45 Prozent (2005) und 70 Prozent (1998) haben es schon im darauffolgenden Jahr geschafft, wieder aufzusteigen.

Wir lassen uns zu sehr in die Irre leiten von der Mär, der Aufschwung des Populismus sei ein Aufschrei der Abgehängten, der Verlierer der Gesellschaft, der Auf-der-Strecke-Gebliebenen der Modernisierung. Ja, diese Menschen gibt es. Aber wir täten gerade ihnen Unrecht, wenn wir behaupteten, sie seien es allein, die den Extremen und den Populisten zu ihrem Durchmarsch verhülfen. Mitnichten ist das so! Michael Thumann von der ZEIT hat es auf den Punkt gebracht: "Es ist an der Zeit zu erkennen, dass der Populismus seine Wucht nicht aus Armut, sondern aus dem gefühlten Verlust der Identität zieht."

Wer gibt den Menschen ihre Identität in Zukunft wieder? Und das Selbstvertrauen, dass sie nicht abgehängt sind, sondern selbst Teil des kontinuierlichen demokratischen Prozesses? Die wahren Demokraten in unserem Land werden umdenken müssen und lernen, sich offen und ehrlich mit den Menschen zu befassen, die von den Rattenfängern unserer Zeit mit konstruierten Nicht-Fakten in die Falle geflötet werden. Aber sie müssen es auch mit Härte tun, nicht mit anbiederndem Verständnis-Gefasel. Damit wird niemand punkten. Dass sich Menschen auch in radikalsten Ansichten ständig hinter irgendwelchen skurrilen "Ängsten" verstecken, ist schlichtweg nicht akzeptabel! Wenn jemand herauskrakeelt (wie auf Pegida-Kundgebungen geschehen), er wünscht sich "aus Angst" Angela Merkel oder Sigmar Gabriel an den Galgen oder die Presse in die Schranken gewiesen oder Flüchtlinge oder Ausländer davongejagt, dann muss man ihm deutlich machen, dass dies keine verhandelbare Diskussionsgrundlage ist. Daran muss man die Menschen erinnern, anstatt ihnen das Gefühl zu geben, sie kämen mit xenophoben, diskriminierenden und menschenverachtenden Ausbrüchen auch noch durch, wenn sie nur ausreichend Angst als Motiv vorschieben. Auch muss man viele Menschen daran erinnern, dass sie selbst möglicherweise nur Opfer von Desinformationskampagnen sind, die bewusst und mit enormer Akribie die Gesellschaften verunsichern und zersetzen sollen.

Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung lassen sich nicht durch diffuse Ängste rechtfertigen. Unsere Volksparteien stehen hier in der Verantwortung, dies den Menschen deutlich ins Gewissen zu diktieren. Aber nicht nur die demokratischen Parteien in Deutschland und anderen Ländern, nein, jeder einzelne, dem der Fortbestand unserer Demokratien und ein offenes Europa am Herzen liegen, muss denjenigen, die diese Ängste schüren, indem sie Feindbilder durch Hetze und Lüge erschaffen, die Stirn bieten.

Der Autor:
Christoph Almering (Jahrgang 1967), gelernter Germanist und Politikwissenschaftler (Magister Artium), hat als Politikredakteur bei deutschen Tageszeitungen und dann zehn Jahre lang als Chefredakteur für Wirtschaft aktuell gearbeitet. Später war der Journalist und Publizist in Verwaltung und Politik aktiv, bevor er als Geschäftsführer einer Social-Media- und Internet-Agentur (in Stadtlohn) in die freie Wirtschaft zurückkehrte.

Von Christoph Almering Montag, 12. Dezember 2016
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