„Konflikt ist der Normalfall“

Münster – Großes Gedränge herrschte beim dritten Nachfolgekongress der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen in Münster: 250 Unternehmer aus dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region wollten wissen, wie man ein familiengeführtes Unternehmen in jüngere Hände gibt.

Tochter Diana und Vater Erwin Weßling erläutern im Interview die erfolgreiche Übergabe der Weßling Gruppe aus Altenberge.
Foto: IHK Nord Westfalen

Die hohe Teilnehmerzahl ist schnell erklärt: „Bis 2025 stehen allein im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region 31.000 Unternehmen zur Übergabe an“, betonte IHK-Präsident Dr. Benedikt Hüffer. Nach einer IHK-Umfrage wollen mehr als zwei Drittel der Unternehmenslenker den Betrieb in Familienhand weiterführen.

Warum die familieninterne Nachfolge nicht einfach ist, erläuterte Professor Dr. Arist von Schlippe vom Wittener Institut für Familienunternehmen: „Der Konflikt ist hier der Normalfall.“ Mit den Erfahrungen aus der Paartherapie erläutert der Psychologe, dass sich die Menschen normalerweise in verschiedenen Umgebungen bewegen und sich entsprechend verhalten, „zu Hause anders als im Beruf“. Diese Muster kämen sich in der Regel nicht ins Gehege, jedoch bei der Übergabe von Familienunternehmen sei das an der Tagesordnung.

Konflikte entstünden, weil Senior und Junior sich nicht vergegenwärtigen, auf „welchem Stuhl“ sie gerade sitzen. Sehe der eine die Abgabe des Unternehmens als hochemotionale Fortführung der Familientradition, überlege der andere, welche betriebswirtschaftlichen Maßnahmen nötig sind, um den Betrieb endlich mal auf Vordermann zu bringen.

Wie man ein vergleichsweise großes Unternehmen wie die Weßling Gruppe aus Altenberge übergibt, erläuterten Vater Dr. Erwin Weßling und Tochter Diana. Alle vier Kinder haben sich in einem langen Entwicklungsprozess entschlossen, den Betrieb mit inzwischen 1.600 Beschäftigten zu übernehmen. Ein Weg, mit dem der Vater sehr zufrieden ist – Ratschläge von ihm gibt es nur auf Nachfrage. Allerdings: Der Prozess hat zwölf Jahre gedauert, alle Kinder haben in einer Unternehmenscharta die Führungsprinzipien verbindlich festgelegt. „Regelbindung ist wichtig gewesen, aber auch Commitment und Einigungswillen. Nachgeben und Vergeben gehören auch dazu“, sagt Diana Weßling.

Die Übernahme des väterlichen Betriebs war für Melanie Baum (Baum Zerspanungstechnik, Marl) das natürliche Ergebnis einer längeren Einarbeitung, die mit der Weltwirtschaftskrise 2009 ziemlich abrupt und gegen ihren ursprünglichen Lebensplan begann. Das Maschinenbauunternehmen mit 50 Beschäftigten profitierte in der Folgezeit davon, dass Vater und Tochter durchaus komplementäre Führungseigenschaften hatten. „Er war ein hervorragender Handwerker, betriebswirtschaftliche Aufgaben lagen ihm nicht so“, meint die heute 33-jährige Chefin. Unter den verschiedenen Tipps, wie die Nachfolge gelingen kann, sind ihr zwei besonders wichtig: einmal der Faktor Zeit, den man auf keinen Fall unterschätzen sollte; zum anderen der Hinweis an die Nachfolger, „dass man auch führen wollen muss“ und sich unter Umständen die Arbeitsgebiete vom Senior erobern solle, um sich beweisen zu können.

In die unternehmerische Selbstständigkeit gegangen zu sein, hat auch Dirk Kuper, Geschäftsführer der Goldbeck Wasseraufbereitung Hygiene GmbH & Co. KG, Ibbenbüren, nicht bereut. Er hat das Unternehmen gekauft, nachdem er zuvor 13 Jahre im öffentlichen Dienst als Gerichtsvollzieher gearbeitet hat. Wenngleich er seine Ausbildung im Bereich Schwimmbadtechnik erhalten hatte, so sind es doch paradoxer Weise die Konflikterfahrungen aus seiner Beamtentätigkeit, die ihm in der Geschäftsführung im Umgang mit Kunden und Lieferanten besonders helfen.

Fazit des dritten IHK-Forums zur Unternehmensnachfolge: Neigung und Eignung sollten bei Nachfolgern zusammenkommen. Das jedoch ist nicht immer Fall. „Dann sollte man es nicht mit der Brechstange versuchen“, resümiert Professor Dr. Bodo Risch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen. Es gehe doch vor allem darum, den Betrieb und die Arbeitsplätze zu erhalten. Da könne auch ein externer Geschäftsführer eine gute Lösung sein.

Freitag, 20. Oktober 2017